
Nun zog
Artus in die Königsburg ein und mußte lernen, die vielen Fragen
zu entscheiden, mit denen die Menschen seines Reiches ihn bestürmten.
Merlin stand ihm mit Rat zur Seite, und Keie, den er zu seinem Hofmeister
machte, brachte mit barschem Wort jeden zum Schweigen, der seinen Herrn
nicht gebührend achtete. In diesen ersten Zeiten von Artus' Herrschaft
gewöhnte sich Keie, von dem wir noch oft erzählen werden, eine
strenge Miene an, Zucht und Ordnung am Hofe gingen ihm über alles,
leidenschaftlich verteidigte er die Würde seines Königs.

Und freilich
war das nötig. Zwar lief alles Volk begeistert zusammen, wenn Artus
durch die Straßen ritt, aber die Großen des Landes hatten sich
noch nicht damit abgefunden, daß ihnen jetzt ein König von unbekannter
Herkunft gebot - mancher von ihnen ging außer Landes, andere dienten
nur widerwillig dem neuen Herrn. Da griff Merlin ein. Seltsame Wunderzeichen
ließ er die Herren sehen und als auch das noch nicht half, sie von
Artus' göttlicher Berufung zu überzeugen, trat er eines Tages
vor die Hofgesellschaft und sprach: "Ihr glaubt nicht dem Zeichen. Ihr
glaubt nicht dem Wunder. So glaubt diesem Siege!!"
Er zog seine
Pergamentrolle aus seinem Gewand, die von König Uterpendragon selbst
unterzeichnet und gesiegelt war und alles berichtete, was mit Artus' Geburt
zusammenhing. Laut las Merlin die Urkunde vor, dann drängten sich
die Ritter um ihn und betasteten das Siegel und nun erst waren sie bereit,
aus ehrlichem Herzen Artus die Treue zu halten. "Artus ist Uterpendragons
Sohn!", so lief die Kunde durchs ganze Land.
Artus aber
ließ sich sogleich zu Arnive führen und verneigte sich vor ihr,
die seine Mutter war. Sie schloß ihn heftig in die Arme und weinte
um die verlorenen Jahre. Dann ergriff sie die Hand ihrer Tochter Sangive
und legte sie in Artus' Hand:
"Sie ist
deine Schwester. Noch trägt sie Trauer um euren Vater, aber nun darf
sie unter dem Schutz eines starken Bruders auf ein fröhlicheres Leben
hoffen. Du wirst ihr den Gatten aussuchen, der ihrer ebenbürtig ist!"
(Möglicherweise auftretende Unterschiede in den verwandtschaftlichen
Verhältnissen gegenüber anderen Darstellungen erklären sich
aus der Vielzahl der Überlieferungen).

Vertrauensvoll
lächelte Sangive den neugefundenen Bruder an und Artus sprach:
"Du wirst mich vieles lehren müssen, Schwester, was ich bisher nicht
gekannt habe; ich weiß nicht, wie man mit Damen umgeht, und Reigentanz
und Lautenspiel habe ich nie kennengelernt. Nun erst, scheint mir, bin
ich ein richtiger König, der eine erfahrene Mutter und eine liebliche
Schwester als Zierde seines Hofes hat!"

Hilfe für
König Leodegan

Artus hatte
wenig Zeit, an Spiel und Tanz zu denken, denn überen Grenzen bedrängten
die Heiden sein Land, und immer aufs neue ritt Artus mit seinen Getreuen
zu gewaltigen Kämpfen, in denen er seine Grenzen befestigte. Artus
war jung, mutig und draufgängerisch, seine Ritter wie er - und wo
sie kämpften, siegten sie auch. So strahlte Artus' Name bald in vollem
Glanz des Ruhms und lockte immer mehr kühne Ritter herbei.

Einige Jahre
vergingen mit Kriegen an allen Grenzen. Nur ein festliches Ereignis unterbrach
die Kämpfe: die Hochzeit Sangives mit König Lot von Norwegen.
Zum erstenmal war der Artushof der Mittelpunkt eines glanzvollen Festes.
Von weither kamen die Ritter mit ihrenDamen nach Tintajol, wo der König
am liebsten Hof hielt. In tausend bunten Farben schimmerten die Gewänder
der Frauen, das Licht der Kerzen spiegelte sich in den Ritterrüstungen,
die an den Wänden aufgehängt worden waren. Und bei diesem Fest
gründete König Artus auf Merlins Rat die berühmte Tafelrunde.
 
König
Arthurs berühmte Tafelrunde
Ihr sollten
die
besten und ritterlichsten Männer angehören, und keiner unter
ihnen durfte sich über den anderen erheben: Deshalb waren alle Plätze
um eine große runde Tafel angeordnet, und der König saß,
auf leicht erhöhtem Sitz, mitten zwischen ihnen allen.

Von diesem
Tage an war es eine hohe Ehre, in König Artus' Tafelrunde berufen
zu werden. Hundertfünfzig Ritter gehörten ihr an, (oft ist von
nur 12 die Rede), und jeder von ihnen hatte gelobt, überall und zu
jeder Stunde bereit zu sein, den Bedrängten zu helfen, und wenn
das eigene Leben dadurch in Gefahr geriete. Das Volk, über das Artus
herrschte, und dessen Sorgen er so gut aus den Jahren kannte, in denen
er selbst als einer von ihnen gelebt hatte, verehrte die Ritter der Tafelrunde
von denen Artus hohe Zucht verlangte: Sie durften nicht auf der Jagd über
reife Kornfelder reiten, nicht wahllos den Bauern das Vieh wegfangen,
wenn es ihnen gerade in den Sinn kam. Junge Mädchen allen Ständen
waren sicher vor dem Übermut der Herren, denn Artus bestrafte jeden
schwer, der eine Jungfrau kränkte oder mit Gewalt zur Liebe zwingen
wollte. Wo ein Streit ausbrach, war Artus bereit, zu schlichten, und der
Ruf seiner Gerechtigkeit breitete sich über ganze Land aus. So kehrte
nach Jahren, in denen das Volk von übermütigen Ritterschaft geplagt
worden war, endlich Ruhe im Reich ein, und da auch der äußere
Friede durch Artus' Heer gesichert' war, blühte sein Reich auf. Aber
eines fehlte dem jungen Herrscher: Noch keine Frau hatte sein Herz gewonnen,
der Thron war ohne Königin.

Da erreichte
ihn die Kunde, daß der alte König Leodegan vom Reich Carmelide
von seinem Nachbarn schwer bedrängt werde, von dem riesigen Dänenkönig
Rion, der durch seine Grausamkeit berüchtigt war. Er pflegte
den Besiegten die Bärte auszureißen und sie an seinen Mantel
nähen zu lassen! Mit diesem häßlichen Schmuck prahlte er
überall und jetzt hatte er verkündet, daß er nun den schönen
Silberbart Leodegans an seinen Mantel heften wolle!
 
Der grausame
Dänenkönig Rion
Lodegan hatte
keinen Sohn der sein Reich verteidigt hätte, und das Heer der Feinde,
das sich vor seinen Grenzen sammelte, schien unabbar groß. Da
kam ihm Hilfe von Artus, der mit allen Rittern und der ganzen Heeresmacht
Leodegan zu Hilfe eilte. Er traf im rechten Augenblick ein: Schon drangen
Rions Männer in das Land, verwüsteten die Felder, raubten die
jungen Burschen und die Mädchen, erschlugen, was sich ihnen entgegenstellte,
und bahnten sich unaufhaltsam den Weg nach Carohais, der Stadt, in
der Leodegans Burg lag.
Artus' Heer
zog heran - voran wehte das Banner, das Merlin gebracht hatte - keiner
wußte, woher er es hatte - ein Drache mit langem Schweif, der
sich ringelte. Feuer schien aus dem Rachen des Lindwurms zu schlagen, und
der Feind, der das Banner aufragen sah, erschrak wie vor einem lebendigen
Ungetüm. Merlin selbst hielt es hoch über den Heerhaufen.
König
Leodegan empfing König Artus mit lautem Dank. Zur Nacht weilten die
Ritter in der Burg von Carohais, am anderen Morgen aber meldeten die Späher,
daß der Feind schon nahe vor der Burg läge, und vereint zogen
die Heere von Artus und Leodegan ihm entgegen. Da donnerten die Hufe über
die Ebene unter der Burg, Feldgeschrei scholl von links und rechts, die
Banner wehten - und in einem Augenblick waren die Ritter auf beiden
Seiten so in wildem Getümmel miteinander vermischt, daß man
kaum Freund und Feind unterscheiden konnte. Viele Männer mußten
an diesem Tage ihr Leben lassen, gepanzerte Knappen liefen herbei, um ihre
verwundeten Herren unter den Pferdehufen wegzuziehen - es war eine mörderische
Schlacht.

Es war
eine mörderische Schlacht.

Oben vom Fenster
der Burg aus sah die schöne Ginevra, König Leodegans Tochter,
angstvoll auf das Kampffeld hinab - es war unmöglich zu erkennen,
welche Seite stärker war, und sie rang kummervoll Hände. Da ließ
ein schrecklicher Anblick sie zu Eis erstarren: Sie sah, wie man ihren
Vater gefangennahm, vom Pferd riß und ihm den Helm vom Kopf zog.
Vergebens drängten sich seine Getreuen heran, ihn den Feinden zu entreißen
- der Trupp, der ihn gefangen genommen hatte, ließ niemanden hindurch
und führte den König im Triumph beiseite. So mußte Ginevra
sehen, wie man ihrem Vater die Füße an ein Pferd band und den
alten König über den Boden schleifte. Ginevra schrie auf und
mit ihr alle Frauen, die sie umgaben. Dann aber brauste wie der Sturmwind
König Artus herbei, hell strahlte das Schwert Escalibur, und
sausend traf es die Peiniger des Königs Helm und Harnisch. So gelang
es Artus ganz allein, Leodegan zu befreien, und Ginevra stammelt ein heißes
Dankgebet und erflehte alles Glück der Welt für den Befreier
ihres Vaters.

Als die
Feinde sahen, daß Leodegan gerettet war und daß seine Leute
sich immer wütender wehrten, ergriffen sie schließlich die Flucht.
Sie ließen Tote und Verwundete im Stich und spornten die Pferde an,
um sich in Sicherheit zu bringen. Merlin verwirrte ihnen den Sinn und ließ
sie lange in die Irre traben, bis sie endlich in ihr eigenes Land zurückfanden
und niemals wiederkehrten. König Rion gab es auf, weitere Bärte
zu erjagen - er ließ den scheußlichen Mantel vernichten und
biß sich auf die Lippen, wenn nur das Wort Bart fiel.

Artus und Ginevra

Wenn auch
Leodegan und Artus viele Ritter zu beklagen hatten, die auf dem Kampfplatz
lagen und von den Knappen unter Wehklagen geborgen wurden, so ritten sie
doch ihres Sieges froh in die Burg Carohais ein. Leodegan überwand
die Schmerzen und gebot, ein Festmahl zu richten. Um die Feuer geschart
saßen die Helden und erzählten einander, was sie im Kampf erlebt
hatten; mit glänzenden Augen hörte ihnen Ginevra zu.
Auf einen
Wink ihres Vaters erhob sich das Mädchen und hielt Artus ein goldenes
Becken mit Wasser hin, damit er sich die Hände vor dem Mahle waschen
konnte. Artus sah ihr in die Augen: Wie lieblich war Ginevra! Er vergaß,
seine Hände ins Wasser zu tauchen, und sie stand still vor ihm und
schlug nur den Blick nieder. Endlich rief einer: "Wie lange wollt Ihr noch
die Jungfrau warten lassen?" Artus zuckte zusammen und dankte artig für
den Dienst. Sie ging errötend hinaus und kam mit einem Becher voll
Wein zurück, den sie Artus anbot: "Herr, ich danke Euch, daß
Ihr meinen Vater gerettet habt! Noch nie sah ich einen Ritter so kühn
streiten! Und Euer Schwert strahlte wie ein Feuer!"
Er nahm
den Becher, trank und sah sie dabei unverwandt an.
Leodegan
seufzte: "Es ist schlimm, alt zu werden und keinen Nachfolger zu haben!
Hätte ich einen Sohn, kräftig und kühn, dann wäre mir
nicht bange!"
Keie lachte:
"So müßt Ihr Eurer Tochter einen Gatten geben, der kühn
und stark ist!" und er wies auf Artus.
Das Artusheer
blieb einige Wochen im Lande Carmelide, denn Artus wollte abwarten, ob
sich die Feinde wieder gegen Leodegan erheben würden. Oft konnte er mit Ginevra sprechen, und ihre höfische kluge Art, ihre Schönheit und die Anmut, mit der sie sich bewegte gefielen ihm täglich mehr.
Dann aber kam eine Nachricht, die ihn zum Aufbruch veranlasste: in seinem Gefolge war sein Vasall Ban, vom Lande Benoic, und dessen Abwesenheit hatte sich ein heidnischer König zunutze gemacht, um in Benoic einzufallen. Schlimme Kunde drang übers Meer, denn Benoic lag auf dem Festland; verzagt schickte die Königin Boten um Boten mit neuen Schreckensnachrichten, und Artus brach mit seinem Heer auf, um Bans Land zu befreien.
Ginevra sprach kein Wort, als sie hörte, daß Artus Abschied nehmen wollte, aber ihr Blick verdunkelte sich und ihre Hände zitterten, als sie sie ihm zum Abschiedsgruß bot. Da bat Artus ihren Vater: "Erlaubt, daß ich Eurer Tochter mit einem Kuß für alles danke, was sie mir Freundliches erwiesen hat!" Er neigte sich zu ihr und umschlang sie zärtlich. Sie lehnte sich an ihn und flüsterte: "Kommt heil aus dem Kampf! Meine Gedanken sind allezeit bei Euch!"

Ginevra
nimmt Abschied von König Arthus

   
 
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