Nach dem Krieg gab es die Budapester Konturen nicht mehr. Doch heute spiegeln sie sich in ihrer ganzen Wuchtigkeit wieder in der Donau. Auch das reizvoll verschachtelte Burgviertel wuchs unter ungeheuren Kosten wieder aus Schutt und Asche. Hier, wo Budapest am romantischsten ist, steht das Denkmal eines typischen Ungarn: Feldmarschalleutnant Hadik war eine draufgängerische Mixtur aus Kavalier und Husar. Um Maria Theresia zu imponieren, wurde er zum Befehlsverweigerer, der Weltgeschichte machte. Trotz anderslautender Befehle eroberte er im Siebenjährigen Krieg Berlin für einen ganzen Tag. Als Mann von Welt brachte er seiner Kaiserin von diesem Husarenstreich auch Souvenirs mit: ein Dutzend Damenhandschuhe. Leider waren es lauter rechte.

Links: Die Kettenbrücke bei Nacht.

Seine Landsleute setzten diese Tradition fort, als sie sich im Ungarnaufstand weigerten, weiterhin Befehle aus Moskau zu befolgen. Damals ging ein unvergessliches Bild durch die Weltpresse: Stalins Denkmal, von der wütenden Menge vom Sockel gerissen und an Seilen wie ein toter Stier durch die Stadt geschleift. Es wurde nie wieder aufgebaut.

Seither ist zwischen Regierung und Regierten eine Art Waffenstillstand in Kraft. Die Budapester haben die Gabe entwickelt, sich am Heute zu freuen und nicht an morgen zu denken. Dabei kommt ihnen der berühmte Budapester Witz zu Hilfe. "Ein sonderbares pfefferartiges Gewächs, das in keiner anderen Großstadt gedeiht. Ein Witz, der über Katastrophen tanzt und sie zwar nicht aufhebt, aber überlebbar macht", nennt ihn der große ungarische Schriftsteller Tibor Dery.

Außerdem konnten sich die Budapester jederzeit vom sozialistischen Alltagsärger reinwaschen. Budapest war immer eine Badestadt, eine der bedeuendsten der Welt. Das Wasser, das aus einem Boden sprudelt, ist der reinste Jungbrunnen; Balsam für Rheuma, Neuralgien, Lähmungen und andere Gebrechen. 70 Millionen Liter schießen aus 123 Thermalquellen täglich in Schwimmbäder und Trinkbrunnen. Schon die Hunnen kurierten mit ihm ihr Rheuma.

Der Baderuhm ist verblasst. Nichts von seinem Glanz eingebüßt hat dagegen die Zigeunermusik. Ab fünf, wenn sich die Stadt zur Nacht herrichtet, haben sie schon die Geigen unters Kinn geklemmt: Budapests Zigeuner. In den feinen Restaurants tragen sie wie einst rote Husarenfräcke, der Primas einen weißen oder blauen. Primas ist hier ein Beruf, der sich vom Vater auf den Sohn vererbt.

Mozart kann man lernen nach Noten zu spielen - Zigeunermusik nie. Sie ist noch immer so etwas wie Ungarns Nationalmusik. Wenn nachts in der Donaustadt die Geigen schluchzen, wenn der Tokajer kreist und das Licht sich in den liebevoll restaurierten Kristallüstern bricht, vergißt man, dass Budapest eigentlich eine tragische Stadt ist. Die graue Tristesse, mit der seine Bürger zu kämpfen haben, versinkt. Rein äußerlich ist Budapest nur grau im Nieselregen der Wintermonate. Ihren ganzen Charme entfesselt die "Perle der Donau" dagegen im Frühjahr, wenn die Platanen auf dem Burgberg blühen, und an goldenen Herbsttagen.

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Abstecher ins Schloss Esterhazy
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