"Ich sehe wunderbare Dinge!"  

Howard Carter rief entzückt: Ich sehe wunderbare Dinge...
Tutanchamuns goldener Thron
Doch lassen wir Howard Carter weiter berichten: "...
Der entscheidende Moment war gekommen. Mit zittern-
den Händen schlug ich in der linken oberen Ecke eine schmale Bresche. Dunkelheit und Leere, zumindest soweit man mit einer als Sonde verwendeten Stange reichen konnte... Zunächst wurden als Vorsichtsmaß-
nahme gegen mögliche giftige Gase Kerzen hineinge-
bracht. Dann wurde die Öffnung ein wenig erweitert, ich spähte hindurch, während Lord Carnarvon, Lady Evelyn und Callender (M. H. Callender, der tüchtige und hochgeschätzte Mitarbeiter Carters) ängstlich hinter meinem Rücken warteten.

Zunächst konnte ich überhaupt nichts sehen, weil die trockene Luft, die aus der Kammer strömte, die Kerzenflamme flackern ließ. Aber während sich die Augen an das Licht zu gewöhnen begannen, tauchten allmählich die Einzelheiten im Innern des Raumes aus dem Dunkel auf: seltsame Tiere, Statuen und Gold - überall das Funkeln von Gold. Für einen Augen-
blick - den Wartenden mußte es wie eine Ewigkeit erscheinen - verstummte ich vor Staunen, und als Lord Carnarvon die Spannung nicht länger ertragen konnte und ängstlich fragte: "Sehen Sie etwas?", konnte ich nur sagen: "Ja, ich sehe wunderbare Dinge!"

Die wunderbaren Dinge, die Carter sprachlos gemacht hatten, waren Mengen von Hausrat, die sich in dem später als "Vorzimmer" bezeichneten Raum auftürmten. Nie zuvor hatte man bei Ausgrabungen einen ähnlichen Reichtum und Überfluß gesehen. Zerlegte Jagd- und Prunkwagen lagen übereinander, Thronsessel und Hocker, Truhen jeder Größe, verschiedene Modelle von Betten, darunter zwei Prunkbetten mit den Figuren der Nilpferd-Göttin Thoeris und der Kuh-Göttin Hathor, warfen im flackernden Licht der Kerze "groteske und unheimliche" Schatten. Im Hintergrund standen zwei Holzstatuen in Lebensgröße, die den Pharao in stehender Haltung, auf zwei lange Stäbe gestützt, darstellten, teils schwarz bemalt, teils mit Goldblech überzogen. Wie zwei strenge Posten hatten sie über Jahrtausende die ver-
mauerte Tür bewacht, hinter der der einbalsamierte Leichnam des Pharao bestattet sein mußte.

       17.Februar 1923-
die Öffnung des Grabes  

Howard Carter vor dem geöffneten Sarkopharg von Tutanchamun
Eine genauere Untersuchung zeigte jedoch, daß ihre Anwesenheit auch hier nicht ausgereicht hatte, Plünderer abzuwehren. Zwischen den beiden Statuen war in der Sperrmauer deutlich eine Bresche zu erkennen, groß genug, daß ein Mensch hindurchschlüpfen konnte. Später war sie zugemauert worden. Der Unterschied der Siegelabdrücke an dieser Stelle ließ erkennen, daß es sich um eine Reparatur handelte, die nach der Bestattung von Tutanchamun durchgeführt worden war. Also war es den Räubern gelungen einzudringen, bevor der Grabeingang durch den Schutt vom Bau des Grabes von Ramses VI. versperrt und verborgen wurde! Welche Schäden hatten sie angerichtet? Welche Gegenstände hatten sie heimlich fortschaffen können?
  Carter in der Grabkammer  
In dieser Atmosphäre höchster Spannung wurde nach einem offiziellen Besuch von Pierre Lacau, dem Generaldirektor der Abteilung für Altertümer, entschieden, das Grab wieder zu verschließen und den Zugang zu versperren. Während die Presse in der ganzen Welt die Nachricht von der sensationellen Entdeckung verbreitete, vergingen einige Monate fieberhafter Vorbereitungen, während derer das erforderliche Material und geeignete Spezialisten für die Räumung des Grabes herbeigeholt wurden. Zu Beginn des folgenden Jahres wurde es wieder geöffnet. Nun begann man mit der systematischen und sorgfältigen Sichtung des in der Vorkammer angehäuften Materials. Fotografen, Chemiker, Restau-
ratoren, Zeichner und Spezialisten aller Bereiche verfolgten aufmerksam jede Phase des Unterneh-
mens.
Malerei auf dem Thron des Tutanchamun
Der Sarkopharg des Tutanchamun vor der Abnahme des Sargdeckels
Am Nachmittag des 17. Februar 1923, es war ein Freitag, weilten einige wenige Privilegierte in der inzwischen ausgeräumten Vorkammer, um der aufregenden Zeremonie des Niederreißens der versiegelten Mauer beizuwohnen. Unter ihnen befand sich natürlich Lord Carnarvon. Er war nach einem kurzen Weihnachtsurlaub aus England zurückgekehrt, wie gewöhnlich in Begleitung seiner Tochter.

Aber lassen wir weiter Howard Carter berichten: "Meine Gefühle beim Besteigen der Plattform (die vorher für die Arbeiten bereitgestellt worden war) waren merkwürdig gemischt. Mit zitternder Hand führte ich den ersten Schlag. Meine erste Sorge war, den hölzernen Balken über der Tür zu lokalisieren; dann kratzte ich mit großer Vorsicht den Putz ab und entfernte die kleinen Steinblöcke, die die oberste Lage der Türfüllung bildeten. Die Versuchung, aufzuhören und hineinzusehen, war unwiderstehlich; als ich nach etwa zehn Minuten eine Öffnung geschaffen hatte, die groß genug war, um einen Blick hineinwerfen zu können, knipste ich eine elektrische Taschenlampe an. Ein verblüf-
fender Anblick bot sich in ihrem Licht - im Innern erstreckte sich, so weit man schauen konnte, in einem Abstand von weniger als einem Meter vor der Tür etwas, was wie eine solide Mauer aus massivem Gold aussah."

Im Hintergrund der rechteckigen Grabkammer führte eine nicht verschlossene Tür in einen kleinen Raum, der später die Schatzkammer genannt wurde. Hier stand nahe der Tür der große Kanopen-Schrein, der die Alabastervasen mit den Eingeweiden des Verstorbenen enthielt.

Als die Mauer, mit der die Tür der Kammer verschlossen war, vollständig beiseite geräumt wurde, konnte man feststellen, daß die Mauer aus Gold die eine Seite eines riesigen hölzernen Kastens bildete, der mit Goldblech überzogen war und sicherlich den Sarkophag von Tutanchamun enthielt. Der Kasten war in Einzelteile zerlegt in das Grab gebracht und dort zusammengebaut worden. Er füllte die kleine Grabkammer fast vollständig aus und ließ ringsherum gerade soviel Platz, daß ein Mensch mit Mühe vorbei konnte. Vorsichtig wurde ein einfacher Riegel geöffnet. Im Innern des Kastens war ein zweiter Kasten zu sehen, der völlig vom äußeren umschlossen war. Auf dem Riegel dieses zweiten Kastens war das intakte Siegel von Tutanchamun zu erkennen.

Zum erstenmal in der Geschichte der Ägyp-
tologie hatte man eine königliche Grabstätte entdeckt, die noch nicht von Räubern entweiht worden war! Im Hintergrund der rechteckigen Grabkammer führte eine nicht verschlossene Tür in einen kleinen Raum, der später die Schatzkammer genannt wurde. Hier stand nahe der Tür der große Kanopen-Schrein, der die Alabaster-
vasen mit den Eingeweiden des Verstorbenen enthielt. Der Schrein bestand aus vergoldetem Holz- und hatte die Form eines Kapellchens. Er wurde von vier weiblichen Gottheiten mit ausgebreiteten Armen geschützt. Daneben fanden sich wertvolle Truhen, Statuetten, Modelle von Booten, ein zweiter zerlegter prachtvoller Wagen, Hausrat und Gebrauchsgegenstände, zu denen auch ein hocheleganter Fächer aus Straußenfedern mit einem Griff aus Elfenbein gehörte.

Die Entdecker traten paarweise ein. Überwältigt blieb jeder einige Minuten stehen, um sich an den vielen Wundern satt zu sehen. Dann gingen sie hinaus, ohne zu sprechen, unfähig, Worte zu finden, die ihrem Gemütszustand und der Bedeutung des Augenblicks angemessen gewesen wären. Als sie sich nach einer halben Stunde wieder außerhalb des Grabes befanden, schien ihnen auch die Landschaft des Tals der Könige eine andere Dimension angenommen zu haben.

   Der Fluch Tutanchamuns  

Howard Carter und Lord Carnarvon
Nun begann eine Phase begeisterten und rastlosen Arbeitens. Lord Carnarvon war von dem unverhoff-
ten Erfolg wie elektrisiert und begab sich alltäglich ins Tal der Könige. Eines Tages wurde er von einer Mücke gestochen. Die kleine Wunde infizierte sich, und Lord Carnarvon wurde nach Kairo transportiert, wo mehrere Ärzte versuchten, der Infektion Herr zu werden. Der Zustand des Kranken verschlechterte sich jedoch. Eilends wurde sein Sohn herbeigerufen, der in Indien gerade seinen Militärdienst leistete. Als Lord Porchester eintraf, hatte sein Vater jedoch bereits das Bewußtsein verloren.

Der Sohn erzählte später, daß in dem Augenblick, da sein Vater seinen letzten Atemzug tat, das Licht ausfiel, und zwar nur im Hotel Continental, in dem man Lord Carnarvon untergebracht hatte. Bei seiner Rückkehr nach England erfuhr er zudem, daß der Hund, den er dort zurückgelassen hatte, plötzlich ohne ersichtlichen Grund ein langes Geheul angestimmt habe. Noch viele Fabeln wurden um den Tod von Lord Carnarvons gesponnen.

Man sprach von der "Rache des Pharao", der aus seiner tausendjährigen Ruhe aufgestört worden war. Und so geschah es noch mehrfach: jedesmal, wenn ein Ägypto-
loge, der das berühmte Grab besucht hatte, frühzeitig oder aus ungewöhnlichen Gründen starb, wurde Tutanchamun verantwortlich gemacht. Am Ende wollte sogar Lady Almina, die Witwe Lord Camarvons, auf Schloß Highclere, wo die sterbliche Hülle ihres Mannes beigesetzt worden war, nichts mehr aufbewahren, was in irgendeiner Weise an Ägypten erinnerte. Sie verkaufte die prachtvolle Sammlung ägyptischer Antiquitäten, die Lord Carnarvon liebevoll in den vielen Jahren seiner Reisen im Land am Nil erworben hatte. Inzwischen waren jedoch andere schwierige Probleme aufgetreten, und zwar zwischen Howard Carter und der Abteilung für Altertümer in Kairo. Diese war zu Recht entschlossen, die Grabausstattung Tutanchamuns für Ägypten zu erhalten, und brachte eine hohe Geld-
summe auf, um Lady Almina für die Kosten des von ihrem Mann finanzierten Unternehmens zu entschädigen.
Doch darüber breitet man besser den Mantel des Schweigens . . .

   Pharao mit achtzehn Jahren  

Erst 1925 wurden die Arbeiten zur Bergung der Kästen aus der Grabkammer wieder aufge-
nommen. Vier ineinander verschachtelte Särge aus vergoldetem Holz wurden geöffnet, zerlegt und hinausgeschafft. Dann zeigte sich unter einem Leinenschleier, der mit goldenen Margeriten bestickt war, ein marmorner Sarkophag aus prachtvollem gelbem Quarzit mit einem Deckel aus Granit, der zur Anpassung an den Untergrund gelb bemalt war (auch dies ein Zeichen, daß man das Grab für den jungen Herrscher mit großer Eile hatte fertigstellen müssen). Darinnen befanden sich, ineinander verschachtelt wie chinesische Kästchen, drei mumienförmige Sarkophage: der innerste aus massivem Gold gefertigt.

Nach der Öffnung des Goldsarkophags erschien die prunkvolle Maske, die, ebenfalls aus Gold und einer glasartigen Masse bestehend, über das Gesicht der Mumie gelegt war. Diese Maske stellte aller Wahrscheinlichkeit nach den Pharao Tutanchamun dar. Sie war dem Original so getreu nachgebildet, daß sogar die Löcher in den Ohrläppchen - zu "Tuts" Zeiten trugen auch die Männer schwere Ohrgehänge - erkennbar waren. Unter der Maske lag die Mumie des Pharao. Sie war mit einer unglaublichen Menge von Goldamuletten und Edelsteinen übersät. Die Duftstoffe und Salben, die in reichlichen Mengen über den einbalsamierten Leichnam gegossen worden waren, hatten der Mumie allerdings schwer zugesetzt. Sie wurde daher einem Spezialisten, Dr. Derry, zur Unter-
suchung und Behandlung (das Wort ist hier wirklich angebracht) anvertraut. Nach seiner Diagnose handelte es sich bei dem Toten um einen jungen Mann von etwa achtzehn Jahren oder weniger, der bei seinem Tod ungefähr 1,67 Meter groß gewesen war (dieselbe Größe hatten die beiden hölzernen Statuen, die zur Bewachung der Grabkammer aufgestellt waren).

Das Unternehmen Tutanchamun war mit der Entdeckung eines Grabes, das mit Schätzen überfüllt
war und den unbeschädigten Sarkophag des Pharao enthielt, aber nicht beendet. Dies waren nur die Anfangsetappen eines langen Weges von geduldigen Transport-, Restaurations- und Konservierungs-
arbeiten. Sie lohnten die Mühe jedoch, denn damit entstand ein Stück Geschichte, aufregend und instruktiv vor allem für den Experten, der etwa an einem Dolch mit einer besonders sorgfältig bearbeiteten Eisenklinge die Bedeutung eines Materials erkennen kann, das in jenen Zeiten für wertvoller als Gold erachtet wurde, oder in einer Haarsträhne, die in einem Kästchen mit dem Namen der Königin Teje verschlossen war, ein unfehlbares Zeugnis für eine verwandtschaftliche Bindung an den bestatteten Pharao wieder findet. Heute stellen die Schätze des Tutanchamun-Grabes den kostbarsten Besitz des Museums von Kairo dar - das einzigartige und durch seinen Reichtum und Zustand faszinierende Erbe eines Pharao, der vor über dreitausend Jahren Ägypten beherrscht hat.

  Die Witwe heiratete wieder  

  Zurück zum zweiten Teil des Tutanchamun-Grabes  Die Tontafeln von Tell el-Amarna   

Ein kleiner Eintrag im Gästebuch würde mich freuen. Vielen Dank!