Die Monarchisten verschärften den reaktionären Kurs ihrer Politik noch dadurch, daß sie die Nationalversammlung in Urlaub schickten, eine große Zahl von Beamten absetzten und der Regierung die Befugnis erteilten, die Bürgermeister der Gemeinden zu ernennen. Eine solche Politik entsprach in-dessen den Wünschen der Franzosen immer weniger. Die von Gambetta und dessen Freunden geführte unaufhörliche Kampagne begann Früchte zu tragen: Die Kommunalwahlen von 1874 verschafften den Republikanern die Mehrheit.
Fünf Gesetze ergänzten diesen Antrag und bildeten mit ihm zusammen das, was man fälschlich die Verfassung von 1875 genannt hat. Zum ersten Male in seiner Geschichte besaß Frankreich nun ein wahrhaft parlamentarisches Regierungssystem. Die gesetzgebende Gewalt lag bei einem Parlament, das aus zwei Kammern bestand: einer Kammer der Abgeordneten, die nach dem allgemeinen und gleichenWahlrecht für vier Jahre gewählt wurden, und einem Senat oder Oberhaus von 300 Mitgliedern, von denen 73 auf Lebenszeit ernannt und die übrigen als Ver-treter der verschiedenen Regionen und Gemeinden nach einem indirekten Wahlrecht auf neun Jahre bestimmt wurden; für den Senat war alle drei Jahre eine Drittelerneuerung vorge-schrieben. Zur Nationalversammlung vereinigt, besaßen die beiden Kammern die Befugnis, den Präsidenten der Republik zu wählen und die Verfassung abzuändern.
Bei den Wahlen von 1876 errangen die Republikaner die Mehrheit in der Abgeordneten-kammer. Mac-Mahon ernannte zunächst Dufaure und dann den gemäßigten Republikaner Jules Simon zum Ministerpräsidenten. Ein heftiger Ausfall von Gambetta gegen den herr-schenden Klerikalismus lieferte Mac-Mahon den Vorwand, den Ministerpräsidenten am 16. Mai zu entlassen und ihn durch den Herzog von Broglie zu ersetzen. Daraufhin gaben die 363 - republikanischen Abgeordneten die Erklärung ab, daß das neue Ministerium "nicht das Vertrauen der Nation genieße".
Er führte einige Erleichterungen in das harte Militärleben ein, erging sich nach einem Grenzzwischenfall mit Deutschland 1887 in patriotische Reden und wurde auf diese Weise zum populärsten Mann des Regimes. Diese Entwicklung sahen die Republikaner mit Besorgnis und stellten ihn dadurch politisch kalt, daß sie ihm das Kommando über ein Armeekorps in Clermont-Ferrand übertrugen.
Die Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft und einem Parlamentsausschuß ergab denn auch, daß die Verwaltung der Gesellschaft einen Teil des Ertrages der Anleihe zu Be -stechungszwecken verwendet hatte. In dem darauffolgenden gerichtlichen Verfahren, das beträchtliches Aufsehen erregte, wurde außer den schuldigen Verwaltern der Gesellschaft zwar nur ein ehemaliger Minister überführt und verurteilt, aber zahlreiche führende Politiker der republikanischen Parlamentsmehrheit waren dennoch als Folge einer maßlosen Hetz-kampagne der Opposition in den Augen der Öffentlichkeit bloßgestellt, wenn auch das Regime als solches durch den Skandal nicht erschüttert wurde. Aber kurz danach kam es zur Aufdeckung eines der angeblich größten Spionagefälle der Zeit: Zur Affäre Dreyfus.
Nun griff der Schriftsteller Emile Zola ein. Im Januar 1898 veröffentlichte er in der Zeitung "L' Aurore" unter dem Titel "J' accuse" (Ich klage an) einen offenen Brief an den Präsi-denten der Republik, in welchem die Unrechtmäßigkeit des Prozesses gegen Dreyfus und die Parteilichkeit der Rochter aufs schärfste anprangerte. Daraufhin wurde Zola wegen Verleumdung zur Höchststrafe von einem Jahr Gefängnis und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Bald danach machte man die Enteckeung, daß ein Dokument, das den Ausschag zur Verurteilung von Freyfus gegeben hatte, von Oberstleutnant Henry, dem Hauptbela-stungszeugen in dem Verfahren, gefälscht worden war. Dieser legte ein Geständnis ab, kam daraufhin in Haft und nahm sich schon tags darauf in seiner Zelle das Leben. Nun wurde das Urteil von 1894 aufgehoben und ein neues Verfahren vor dem Kriegsgericht in Rennes, diesmal öffentlich, anberaumt.