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 Es sollte eigentlich auch noch etwas über den Schintoismus Japans gesagt werden, obgleich es - wie bei den Re- ligionen Chinas - außerordentlich schwierig ist, sichere Aussagen darüber zu machen, was der Schintoismus gegen- wärtig ist und in welcher Richtung er sich bewegt. In der Zeit vor den Er- eignissen des zweiten Weltkrieges im Pazifik war es üblich, zwischen reli- giösem und Staats-Schintoismus zu un- terscheiden. Der religiöse Schintoismus, der "Weg der Götter", ist aus frühja- panischen animistischen Naturriten zu kultischer Verehrung von Altären und Ahnentafeln (diese entstammen chine- sisch-konfuzianischem Einfluß) erwachsen. Der Staats-Schintoismus hingegen war ein national-japanischer Kult, in dessen Mittelpunkt der göttliche Kaiser stand. Die meisten Japaner behaupteten, daß es sich bei diesem Staats-Schin- toismus mehr um eine Ausdrucksform des lebens ihrer Nation als um einen echten Gottesdienst handelte. Der Kaiser oder hohe Würdenträger pflegten den Alfar von Ise zu besuchen, um sich bei der Sonnengöttin Amaterasu "vorzustellen", die nach der offiziellen Mythologie die Ururgroßmutter des Tennos Jimmu, des Gründers der kaiserlichen Dynastie (im 7. Jahrhundert v. Chr.), war. Diese "Vorstellung" am Schrein von Ise soll also weiter nichts als die Erfüllung einer Amtspflicht gewesen sein, der sich auch Buddhisten, Konfuzianer und sogar Christen unterziehen konnten, ohne deshalb ihrem Glauben untreu zu werden.
Als im 6. Jahrhundert n. Chr. der Buddhismus von China über Korea nach Japan kam, überschattete er den religiösen Schintoismus bald so sehr, daß die von den beiden Religionen verehrten Gottheiten fast nicht mehr zu unterschei- den waren. Schinto-Gottheiten wurden Boddhisattwas und umgekehrt. Der einzige unverkennbar schintoistische Zug in dem vereinten Strom der zwei Volksreli- gionen war die Verehrung des Kaisers. Wenn man von der Verehrung der kaiser- lichen Familie absieht, war das, was in neuerer Zeit unter der allgemeinen Bezeichnung Schintoismus zusammengefaßt wurde, ein Konglomerat von Sekten aller Art - darunter viele Gesundbeter - mit teilweise so exzentrischen Glaubensregeln, daß es unmöglich ist, daraus eine klare Definition des Schin- toismus abzuleiten.

 Als nach Japans vernichtender Niederlage im Jahre 1945
der gegenwärtige Kaiser am 1. Januar 1946 auf seine Göttlichkeit verzichtete, schien die letzte Stunde des Staats-Schintoismus gekommen. Eine Zeitlang war er auch so gut wie verschwunden, zu- mal die amerikanische Besatzungs- macht ihn mit scheelen Augen beo- bachtete. Aber jetzt, nachdem Ja- pan seine Souveränität wiederge- wonnen hat, steigt auch der Stern des Staats-Schintoismus wieder auf. Welche Stellung das entgött- lichte Kaisertum in den neu auf- lebenden Zeremonien einnehmen wird, ist schwer vorauszusagen. Daß aber der japanische Nationa- lismus die schintoistischen Formen in irgendeiner Form beibehalten wird, geht schon aus der Tatsache hervor, daß ein christlicher Premierminister des wieder souverän gewordenen Japans einen feierlichen Besuch seiner Regierung zum Schrein von Ise geleitet hat, um der Sonnengöttin seinen Amtsantritt zu mel- den. Japanischer Staat und Schintoismus scheinen unlösbar ineinander ver- schränkt zu sein. Es gibt noch viele andere heute lebendige Religionen, aber die meisten von ihnen haben animistischen Charakter (oder sind reine Dämonen- oder gar Teufelsanbetung), wie die der indianischen Stämme Nord- und Süd- amerikas, der afrikanischen Eingeborenen, der australischen Ureinwohner oder der Inselbevölkerung des Stillen und Indischen Ozeans. Ihr Kult besteht in einigen Fällen im hoffnungsvollen Anrufen wohlwollender Geister, häufiger aber ist er der Versuch, rachelüsterne Gottheiten gnädig zu stimmen oder das Unheil abzuwenden, das von bösen Geistern und Dämonen droht. Die meisten dieser Religionen haben außerdem Riten, die dem engen Zusammenhalt der betreffenden Stämme und der scharfen Trennung von anderen dienen sollen. Auf dieser Linie sind die Religionen in erster Linie für den Anthropologen und den Psycho- logen interessant. Jedenfalls würde es den Rahmen dieser Seiten bei weitem sprengen, die vielen Spielarten solcher Religionen hier auch noch zu behan- deln. Seit dem Aufkommen des Islam vor 1300 Jahren hat sich keine große Religion mehr in den Vordergrund gespielt. Heißt das nun etwa, daß mit der vorstehenden Aufzählung auch die Reihe der lebenden Religionen abgeschlossen ist? Die Antwort lautet: Ja und Nein.
Durch die Jahrhunderte sind Menschen für ihr Recht auf Glauben gestorben, aber andere, ebenso überzeugte Menschen haben ihr Leben gelassen für den Anspruch, nicht glauben zu müssen. Gleich, wie wir ihre Einsicht heute beurteilen mögen - wir müssen auch diesen Menschen eine Art religiösen Eifers bei der Verteidigung ihres Glaubens zubilligen. Denn auch Atheismus ist ein "Glaube", insofern nämlich, als er weit mehr auf Spekulation denn auf wissenschaftlichen Beweisen beruht.

 
 

Im engeren Sinne des Wortes ist der Atheist ein Mensch, der die Existenz jedweden Gottes leugnet. Aber heutzutage versteht man darunter nicht nur alle die Skeptiker, Materialisten und Positivisten, die nicht anerkennen, daß die Welt von einem höchsten Wesen oder einer Vielzahl solcher Wesen geschaffen worden ist, sondern auch jene, die sich selber im weiteren Sinne des Wortes zu den Atheisten zählen. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, an die Ansicht des katholischen Philosophen Jacques Maritain zu erinnern, daß viele solcher Leute in Wirklichkeit nur Pseudo-Atheisten seien, "die glauben, daß sie nicht an Gott glauben, die aber tatsächlich unbewußt doch an ihn glauben, weil der Gott, dessen Vorhandensein sie leugnen, gar nicht Gott, sondern irgend etwas anderes ist."
In der westlichen Welt ist der ausgesprochene Atheismus, also der Atheismus im engeren Sinne, seit dem 19.Jahrhundert nicht mehr aktuell, sondern durch einen Agnostizismus ersetzt worden, den Robert Ingersoll auf folgenden Nenner gebracht hat: "Gibt es einen Gott? Ich weiß es nicht. Ist der Mensch unsterblich? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines: Nämlich, daß die Tatsachen des Seins weder durch Hoffen noch Leugnen, weder durch Glauben noch Unglauben geändert werden können. Es ist alles, wie es ist und es wird alles sein, wie es sein soll. Wir warten und hoffen." Es mag Gläubigen wie dem Verfasser gestattet sein, sich über die Tragweite dieses letzten Satzes ihre eigenen Gedanken zu machen, genau wie über den "Humanismus", dem sich eine Unzahl Ungläubiger zugewandt hat. Humanismus - das ist ein Ausdruck, der schon die verschiedensten Bedeutungen gehabt hat, jetzt aber nach Carliss Lamonts Definition in "Humanismus als Philosophie" "der Standpunkt ist, daß die Menschen nur ein Leben zu leben haben, das sie mit soviel Glück und schöpferi- scher Arbeit wie möglich füllen sollten, weil eben menschliches Glück Selbst- zweck sei und keiner Sanktionierung oder Stärkung aus übernatürlichen Quellen bedürfe; daß das Übernatürliche - gewöhnlich in der Form himmlischer Götter oder unsterblicher Himmel erträumt - in Wirklichkeit gar nicht existiere; und daß die Menschen, wenn sie ihre Intelligenz benutzten und freimütig mitei- nander verkehrten, eine feste Burg des Friedens und der Schönheit auf dieser Erde errichten könnten."
 
 
Und schließlich ist in unserer Zeit eine neue große Macht über die Geister und Taten der Menschen ins Leben getreten, die allen Glauben an das Überirdische leugnet und zu gleicher Zeit den stärksten Anspruch weltlichen Glaubens dar- stellt, der je die anderen Religionen herausgefordert und angegriffen hat: der militante Kommunismus.
Als der Kommunismus nach der Eroberung Rußlands seine Weltmission proklamierte, nannte ihn ein englischer Erzbischof eine "christ- liche Ketzerei". Er ist viel mehr als das. Der Kommunismus, der in Karl Marx' Worten die alten Religionen als "Opium für das Volk" beschimpft hat, ist sel- ber ein flammender Glaube, der mit erstaunlicher Schnelligkeit die struktu- rellen Formen und den Apparat einer Kirche entwickelt hat. Er ist ein Glaube, der den kommenden Triumph des Menschen über Widerstände und Übel und seinen schließlichen Einzug ins irdische Paradies verkündet. Wenn im Neuen Testament der Glaube als Substanz der Dinge, auf die man hofft, und Augenfälligkeit der Dinge, die man nicht sieht, definiert wird, dann ist der Kommunismus mit sei- nem Versprechen einer klassenlosen Gesellschaft und einer Teilnahme aller Menschen zu gleichen Teilen an den Genüssen des Lebens ganz bestimmt ein Glaube.
Und was den Apparat angeht - welche typischen Charakterzüge einer Kirche fehlen dem Kommunismus eigentlich noch? Er hat seine Verkünder: Marx und Lenin. Er hat seine
unfehlbaren kanonischen Schriften, seine Orthodoxie und seine Ketzereien, seine Märtyrer und Abtrünnigen, seine Heiligenleben und Weihehandlungen, seine Einsetzungsriten und geweihten Begräbnisplätze; er hat seine Missionare und seine Hierarchie. Er hat nur noch keine Gottheiten. Aber diesem Mangel könnte abgeholfen werden, wenn die parteiamtlichen Beweihräuche- rungsmaschinen so lange weiterlaufen, bis Marx, Lenin und vielleicht auch Mao TseTung sich nach ein, zwei Jahrhunderten zu ihrer eigenen Oberraschung im Kreis der Götter wiederfinden. Es ist ja anderen Agnostikern genauso ergangen.
 
 Bei seiner Beurteilung der dem Kommunis- mus analogen Pseudoreligionen und-Kulte des Nationalismus, Faschismus und Natio- nalsozialismus schreibt Arnold Toynbee: "Religiosität ist offenbar ein Wesens- merkmal der menschlichen Natur. Kein Individuum, keine menschliche Gemein- schaft ist ganz ohne irgendeine Art von Religion. Und wenn die Leute religiös ausgehungert sind, verleitet sie ihre Zwangslage manchmal dazu, die Körner des Glaubens selbst auf dem unfruchtbarsten Boden zu suchen."
Insofern der weltliche Glaube des Kommunismus die Möglichkeit eines menschlichen Triumphes in der Welt proklamiert, während die theistischen Religionen die Erfüllung des Menschen jenseits dieser Welt und jenseits der Geschichte suchen, wird die kommuni- stische Herausforderung in der ganzen religiösen Welt brennend zu spüren sein. Vielleicht wird das Übermaß seiner Versprechungen dem Kommunismus zum Verderben - es sei denn, er weist im Laufe der nächsten Generationen nach, daß ihre Erfüllung durchaus im Rah- men menschlicher Möglichkeiten liegt. Bis dahin wird der Feuereifer der gläubigen Kommunisten ein beständiger Vorwurf, eine Konkurrenz und ein Ansporn für jede andere Religion sein, die nach Weltgeltung strebt. In ihrem religiösen Sehnen sind die Menschen nicht sehr voneinander verschieden, gleich, wo und wann sie leben. Sie wollen der Gunst ihrer Götter sicher sein, suchen Schutz gegen die Gefahren des Lebens, streben nach Gemeinschaft mit ihren Mitmenschen, nach Trost in den Stunden des Schmerzes, nach Führung in ihren täglichen Nöten, nach Befreiung von Gewis- sensqualen. Und außerdem hoffen die meisten - wenn auch nicht alle - auf irgendeine Art von Unsterblichkeit. Die Wege, auf denen die Anhänger der verschiedenen Bekenntnisse ihre gemeinsamen Ziele zu erreichen suchen, sind unsagbar mannigfaltig. In allen großen Religionen jedoch haben sich die Mystiker aus dem Lebenskreis, in dem wir anderen uns bewegen, gelöst und zu einer Einführung in das Göttliche gesteigert, die uns die Mystik aller großen Religionen als einander sehr ähnlich erscheinen läßt.
Wir leben in einer kritischen Zeit, in einer auch für den Glauben kritischen Zeit. Die großen Veränderungen, die die Technik in jedes Leben auf jedem Kontinent und auf jeder sozialen Stufe getragen hat, sowie die noch größeren Veränderungen, die uns mit dem beginnenden Atomzeitalter bevorstehen, erlegen uns eine vordring- liche Pflicht auf: den Menschen vor der dämonischsten und verderblichsten aller Vergötterungen, nämlich der Selbstvergötterung, zu bewahren. Jede der großen Religionen, die auf diesen Seiten behandelt werden, versucht den Menschen davon abzuhalten, den Weg, der von der Selbstvergötterung zur "Stadt der Zerstörung" führt, einzuschlagen. Sie werden dieses Ziel in dem Maße erreichen, als sie, um mit dem Propheten Micha zu reden, den Menschen dazu bringen, "Gottes Wort zu halten und Liebe zu üben und demütig zu sein vor Gott".

 


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