RIESEN ALS GEGNER

Als der Gotenkönig Amelung, der aus dem Geschlecht Wolfdietrichs stammte, das Ende seines Lebens herannahen fühlte, teilte er das gewaltige Reich der Amelungen unter seinen drei Söhnen auf. Ermanerich wurde König in Romaburg, der einstigen Hauptstadt der Cäsaren. Harlung zog in den Norden und nahm seinen Sitz in Breisach am Rhein, wo er von seiner Burg aus weithin über den mächtigen Strom und das reiche Land blicken konnte. Dietmar jedoch erbte das Lampartenland und wählte Bern (Ravenna) zu seinem Herrschersitz. Bald darauf machte König Dietmar von Bern die kluge und edle Odilia zu seiner Gemahlin. Sie gebar ihm zwei Söhne, die Dietrich und Diether genannt wurden. Dietrich tat sich schon als Knabe unter seinen Alters­genossen hervor, niemand kam ihm gleich an Kraft und Ausdauer. Er war hoch von Wuchs, sein Haar fiel in hellen Locken auf die Schultern herab, sein Auge blickte adlerscharf, und sein Mut glich dem eines Löwen. 

Bald darauf machte König Dietmar von Bern die kluge und edle Odilia zu seiner Gemahlin.

Geriet Dietrich in Zorn, verwandelte sich sein Atem in glühende Lohe, und Feuer schlug aus seinem Mund, denn vor seiner Geburt hatte er in himmlischen Welten gehaust und von dort einen Teil des Sternenfeuers mitgenommen. Als er zu seinen ersten Heldentaten aus­ritt, war sein Bruder Diether noch ein Kind. 
Zu jener Zeit war Reginbald, dem Herzog von Garda, ein Sohn namens Hildebrand herangewachsen. Im ganzen Land rühmte man seine Kühnheit und Klugheit. Als Hildebrand dreißig Jahre alt geworden war, trat er vor seinen Vater und sprach: »Ich mag nicht zeitlebens untätig auf unserer Burg sitzen, ich will mich lieber mit tapferen Helden im Kampf messen.« 
Und nachdem ihn sein Vater gefragt hatte, wohin er zu reiten ge­denke, fügte Hildebrand hinzu:  »Ich möchte zu König Dietmar nach Bern ziehen. Denn er ist der mächtigste König, und an seinem Hof leben die stärksten Recken.« 

Herzog Reginbald lobte den Entschluß seines Sohnes und rüstete ihn für die Fahrt reich aus. Kurz darauf nahm Hildebrand Abschied und ritt nach Bern. König Dietmar empfing ihn mit großen Ehren und schlug ihm vor, Erzieher und Waffenmeister seines älteren Sohnes zu werden. Dietrich war damals gerade fünf Jahre alt. 

Als Hildebrand den Knaben zum erstenmal sah, trat er auf ihn zu und schloß ihn wortlos in die Arme. Von diesem Augenblick an waren der Zögling und sein Meister unzertrennliche Freunde, und sie blieben es bis zu ihrem Tod. 

Rasch lernte Dietrich, mit den Waffen seines Meisters ritterlich um­zugehen. Er erwies sich als so kühn und geschickt, daß Hildebrand eines Tages zum König ging und sagte:  »Euer Sohn ist würdig, ein eigenes Schwert zu besitzen. Ich bitte Euch, gebt ihm eines!« 

So empfing Dietrich sein erstes Schwert aus des Vaters Hand. Dazu gab ihm Dietmar auch noch ein stattliches Gefolge tapferer Ritter. Hildebrand wurde zum Bannerträger der streitbaren Schar ernannt. Das Banner, das er zu tragen hatte, war weiß wie Schnee und zeigte in der Mitte einen goldenen Löwen. 

Eines Tages ritten Dietrich und Meister Hildebrand allein zur Jagd. Sie trabten durch die Wälder, Jagdfalken auf der Faust, begleitet von einer Meute Hunde. Da sprang vor ihnen, plötzlich ein Hirsch auf. Eben setzten die beiden Helden an, das edle Tier zu verfolgen, als Dietrich einen Zwerg im Unterholz sah. Blitzschnell riß er seinen Hengst herum, und ehe der Zwerg noch in seine Höhle schlüpfen konnte, hatte Dietrich ihn schon gepackt und aufs Pferd gehoben. Ein guter Fang war ihm gelungen, denn kein anderer als Alberich, der kunstfertige Schmied aller Zwerge, zappelte in seinen Händen.

Eben setzten die beiden Helden an, das edle Tier zu verfolgen, als Dietrich einen Zwerg im Unterholz sah. Blitzschnell riß er seinen Hengst herum, und ehe der Zwerg noch in seine Höhle schlüpfen konnte, hatte Dietrich ihn schon gepackt.

"Herr", jammerte der Zwerg, als Dietrich ihn festhielt,  "laßt mich frei, und ich werde Euch den Weg zu größeren Reichtümern zeigen, als Ihr je gesehen habt. Nicht weit von hier haust der Riese Grim mit sei­ner Frau Hilde - sie hüten einen gewaltigen Schatz. Wenn Ihr beide be­siegt, gehört er Euch. Auch besitzen die Riesen das Schwert Nagelring. Nie hat ein Held ein besseres und schärferes Schwert geführt; ich selbst habe es geschmiedet. Zwar hat der Riese die Kraft von zwölf Männern, und seine Frau ist gewiß noch stärker, doch will ich Euch das Geheim­nis verraten, wie Ihr die Riesen bezwingen könnt: Nur wer das Schwert Nagelring besitzt, vermag sie zu töten. Das aber ist eine größere Tat und wird Euch mehr Ruhm einbringen, als wenn Ihr mich kleinen Wicht erschlagt."

Dietrich ließ sich von Alberichs Bitten jedoch nicht erweichen, son­dern antwortete: "Niemals entkommst du mir, es sei denn, du schwörst zuvor, mir heute noch das Schwert Nagelring zu verschaffen und mir den Weg zu den Riesen und ihren Schätzen zu zeigen."

Und erst nachdem Alberich geschworen hatte, ließ Dietrich ihn los. Abends rasteten die beiden Helden im dichten Wald und warteten auf Alberich. Endlich kam er keuchend herbei und schleppte ein gewaltiges Schwert. Er sagte zu Dietrich:  "Dort drüben in der öden 
Berghalde ist die Höhle, in der die Schätze liegen, von denen ich sprach. Man wird Euch zu den größten Helden zählen, wenn Ihr sie in Euren Besitz bringt. Mich aber sollt Ihr niemals wiedersehen." Damit war der Zwerg spurlos verschwunden. Dietrich und Hildebrand aber zogen das Schwert Nagelring aus der Scheide und betrachteten es.

Noch nie hatten sie eine schönere und schärfere Waffe gesehen. Dann banden sie die Helme fest, zückten die Schwerter und stiegen die Berghalde hinauf, bis sie die Höhle der Riesen erreichten. Mutig und ohne zu zögern trat Dietrich ein. Hildebrand folgte ihm auf den Fersen. Der Riese Grim saß in der Mitte der Höhle vor seinem Herdstein und schürte das Feuer. Hilde, sein Weib, kauerte dahinter im Dunkel und erdrosselte eben ein Schaf, das sie zum Abendmahl essen wollten. 

Als Grim die Eindringlinge erblickte, griff er sogleich in seine Waffenkiste. Aber sein Schwert Nagelring, das ihm der listige Zwerg entwendet hatte, fehlte. So zog er schnell einen gewaltigen brennenden Fichtenast aus dem Feuer und schlug damit auf die ungebetenen Gäste ein. Ein ungestümer Kampf begann. Hilde eilte herbei und rang mit Hildebrand. Sie würgte ihn mit der einen Hand, während sie mit der anderen seine Rechte umklammerte, so daß er sein Schwert nicht gebrauchen konnte. "Hilf mir, Freund Dietrich, es geht mir ans Leben!" rief Hildebrand.  Hildebrand lag indessen bereits mit dem Rücken auf dem Boden. Die Riesin umschlang ihn und stemmte die mächtigen Knie in seine Brust. Da sprang Dietrich hinzu und schlug das Weib mit einem einzigen Schwertstreich in zwei Stücke. Doch Zauberkräfte, die ihren Leib durchdrangen, vereinigten die Teile wieder, und im nächsten Augenblick erhob sie sich unverwundet erneut zum Kampf. Nochmals hieb Dietrich sie am Gürtel auseinander, aber wieder wuchsen die Teile zusammen. Da rief Hildebrand, ehe sich die Riesin wieder auf ihn stürzte:  "Tritt mit beiden Füßen zwischen die Hälften, so muß das Ungeheuer sterben!"

Der Kampf mit den Riesen Grim und dessen Frau Hilde

Und wirklich: Dietrich schlug Hilde zum drittenmal auseinander, trat schnell zwischen Rumpfstück und Beinstück  - da war das Weib tot. Der Mund der Riesin aber hatte noch Leben und schrie Dietrich zu:  »Hätte Grim dich umschlungen, wie ich meinen Gegner gefaßt hatte, wäret ihr beide verloren gewesen. Nun jedoch sind alle Schätze Euer, auch der Helm Hildegrim.« Dieser Helm, der beider Riesen Namen trug und den nicht einmal Nagelring zu ritzen vermochte, war gleichfalls ein Meisterstück aus einer Zwergenschmiede. Hildebrand entdeckte ihn bald unter den Juwelen und Geschmeiden, die in einer riesigen Truhe tief hinten in der Höhle aufgehäuft waren. Dietrich setzte ihn sich aufs Haupt, und in manchem Kampf sollte er ihm noch gute Dienste leisten. Nun beluden die beiden Helden ihre Pferde mit den kostbaren Schätzen. Sie nahmen, soviel die Tiere nur tragen konnten, und kehrten heim nach Bern.