Ritter Manfred in seiner Bibliothek.

In der heiligen Gralsburg.

   Parsifal der reine Tor.  

Parsifal im Narrengewand. Er kämpfte gegen den Roten Ritter namens Ither und gewann den Kampf. Doch der Reihe nach...

Vorzeiten verließ Gachmuret, der Sohn des Königs von Anjou, den Hof seines Vaters und zog nach Rit-
terart in die Welt hinaus. Es widerstrebte ihm, dem älteren Bruder, der Krone und Königreich erbte, als Vasall zu dienen. Die Freunde lobten Gachmurets ritterlichen Mut und seine unwandelbare Treue, die Frauen seinen edlen Anstand und den Adel seiner Sitten; die Feinde aber mußten seinen starken Arm anerkennen und fürchten.

Auf seinen riesigen Fahrten und Abenteuerreisen durchquerte Gachmuret die persische und arabische Wüste und kam gar bis nach Damaskus. Dann wieder verschlug ihn der Seesturm an die Küste Afrikas, wo er im ehrenhaften Rittersold der schönen Mohrenkönigin stand: er gewann ihre Minne und befreite ihr die Hauptstadt von der Belagerung zweier feindlicher Heere. Aber trotz Ehren und Goldeslohn ließ die Abenteuerlust den tapferen Recken nir-
gends stetig verweilen. In der spanischen Stadt Toledo vernahm er von dem Ritterturnier, das die Königin Herzeleide ausgeschrieben hatte. Sie war eine Witwe von berühmter Schönheit und hatte dem Sieger ihre Hand und das Königszepter zum Lohne geboten. Da meldete Gachmuret sich zum Wettkampf, und keiner der vielen Bewerber konnte seiner un-
gestümen Kraft und Gewandtheit widerstehen: als Sieger errang er den ausgesetzten Preis.

Gachmuret reitet in den Hof von Königin Herzeleide ein.
Gachmuret kniet vor Königin Herzeleide und möchte ihr Vasall sein.
Mehrere Jahre lebte er nun an der Seite der Königin. Unter seiner wei-
sen Regierung blühte das Reich auf. Doch der ritterliche Tatendrang ließ Gachmuret nicht lange ruhen, und als der Kalif von Bagdad ihn in Kriegs-
not anrief, zögerte er nicht, dem Freunde im fernen Morgenlande zu Hil-
fe zu eilen. Vergeblich suchte Frau Herzeleide ihn zurückzuhalten. Nach qualvoller Wartezeit kehrte endlich als Bote aus dem fernen Morgenlan-
de einer von Gachmurets Knappen in der Königsburg ein; im Kampf vor Bagdad hatte er den Rittertod gefunden. Bald darauf brachte Frau Her-
zeleide ein Knäblein zur Welt, wohlgestaltet und stark an Gliedern. Sie gab ihm den Namen Parzival.
Ein Bote bringt die traurige Kunde vom Tode Gachmurets.
Ohne den starken Arm ihres Gatten war Frau Herzeleide machtlos. Der König des Nachbarreiches stieß sie vom Thron und raubte ihr Krone und Land. Da zog sie in die Einsamkeit des Waldes Soltane; nur wenig Gesin-
de nahm sie mit sich und ließ auf einer Lichtung ein einfaches Haus bau-
en, den Wald roden und das Feld beackern. Die liebevolle Sorge der Mut-
ter galt nun dem kleinen Parzival. In ihrem Groll gegen Krieg und Män -
nerkampf, die ihr das Liebste auf der Welt genommen hatten, verbot sie ihren Dienstleuten bei strengster Strafe, dem Jungen gegenüber jemals ein Wort von Ritterschaft und ritterlichem Wesen verlauten zu lassen: "Denn würde mein Sohn, mein liebstes Erbe des toten Gatten, verneh-
men, was Ritterleben ist, so brächte es ihm und mir nur noch weiteres Leid!" Die Dienerschaft handelte sorgsam nach den Befehlen der Herrin.
Mutter Herzeleide beobachtet Parsifal beim Bogenschiessen.
Was Parzival an ritterlicher Übung ver-
blieb, waren Bogen und Schießbolzen, die er sich mit eigener Hand fertigte, um die Vögel im Walde zu erlegen. Doch wenn das gefiederte Wild getroffen vor ihm lag, so packten ihn Mitleid und bit-
tere Reue, und der Vogelsang in den Baumwipfeln ergriff ihn so sehr, daß er traurig den Tag verbrachte.

"Warum sollen denn die armen Vögel sterben?" fragte Parzival betrübt seine Mutter. Da küßte sie ihn innig:

"Wie sollte ich wohl etwas gegen den Willen unseres höchsten Gottes tun?"

"O Mutter", rief er, "was ist denn das: Gott?" Und Frau Herzeleide ant-
wortete: "Gott ist noch lichter als das helle Tageslicht, mein Sohn, dies merk dir als Lebensweisheit: Rufe ihn an in jeder Not; er wird dir immer getreulich helfen."

Herzeleide zog in die Einsamkeit des Waldes Soltane - nur wenig Gesinde nahm sie mit sich und ließ auf einer Lichtung ein einfaches Haus bauen.
Bald war Parzival Meister im Wurfspieß. Bei jedem Wetter war er auf der Jagd, und alle bewunderten seine männliche Körperkraft, wenn er das schwere Wild, an dem ein Maultier seine Last gehabt hätte, allein auf den Schultern heimtrug. Als Jung-Parzival einst von der Pirsch heim-
kehrte, hörte er vor sich auf dem Waldpfade Hufschläge. "Wenn jetzt der Teufel käme", sagte er bei sich und faßte den Wurfspeer fester, "wie wollte ich ihn im Kampfe bestehen!" Kampflustig stand der junge Held bereit.
Als Jung-Parzival einst von der Pirsch heimkehrte, hörte er vor sich auf dem Waldpfade Hufschläge.
Doch wie staunte er: Drei prächtige Gestalten jagten zu Pferde daher, herrlich in blanken Stahl gewappnet. Der junge Waidmann glaubte in seiner Einfalt allen Ernstes, jeder von den dreien sei ein Gott. Er warf sich mitten auf dem Wege auf die Knie. "Hilf, Gott!" rief er mit erhobenen Händen. "Du kannst wohl Hilfe spenden!" Die drei Stahlgepanzerten wa-
ren Ritter des Königs Artus. Der erste wurde zornig über die Behinde-
rung: "Du ungeschickter Tölpel", fuhr er ihn an, "halt uns unsern Ritt nicht auf!" Mit verhängtem Zügel kam da ein vierter Ritter daher, noch glänzender gewappnet als die drei anderen.
Parzival stand wie im Traume. Noch nie hatte er soviel lichten Glanz geschaut.
Parzival stand wie im Traume. Noch nie hatte er soviel lichten Glanz geschaut. Er glaubte, Gott selber stehe vor ihm, von dem seine Mutter ihm so oft erzählt hatte, wenn sie ihn den Unterschied von Licht und Finsternis lehrte. Inbrünstig hob der Königssohn die Hände zum Himmel: "O hilf mir, hilfreicher Gott!" "Ich bin nicht Gott", gab der eine Ritter lächelnd zurück; "was du hier vor dir siehst, das sind vier Ritter, die in seinem hohen Dienst leben."

"Du sagst: Ritter," rief der junge Mensch; "so sag mir doch, wer denn Ritterschaft gibt!" Die Ritter mußten über sein einfältiges Fragen lä -
cheln. Der Vornehmste unter ihnen aber gab wieder geduldig Antwort:

"Das tut unser König Artus. Kommt an seinen Hof, er wird Euch den Wunsch gern erfüllen." Wohlgefällig blickten die vier auf den edlen Kör-
per des Jungen, dessen königliche Abkunft unverkennbar schien. Voller Neugier betrachtete Parzival Harnisch und Waffen der Ritter und weck-
te wieder ihr Lachen durch seine einfältigen Fragen. Panzerringe und Brünne, Harnisch und Schild - alles war ihm ja ganz unbekannt. Nach -
sichtig erklärten die Ritter ihm den Gebrauch von Schild und Schwert.

Als Jung-Parzival am Waldesrand ihren Blicken entschwand, sank Frau Herzeleide tot zur Erde; der Abschiedsschmerz hatte ihr das Herz gebrochen.
Der Knabe aber eilte in begeisterter Freude zur Mutter, um ihr von der erregenden Begegnung zu berichten. "Gib mir ein Pferd, Mutter", bat er mit glühenden Wangen, "daß ich an König Artus, Hof ziehe, ein Rit-
ter zu werden!" Die Königin, die alle ihre Mühe und Muttersorge so grausam zunichte sah, hörte von der Begegnung im Walde. Parzival erzählte von der glänzenden Er -
scheinung der vier Ritter, und die Mutter mußte mit Herzensbitternis erkennen, daß sie ihren Jungen nun doch nicht länger wür-
de zurückhalten können. Da sann sie in ihrer sorgenden Mutterliebe auf Mittel und Wege, ihn schnell wieder von seinem Vorhaben abzubringen und zu ihr zurückzuführen. Sie wollte ihn so lächerlich ausstaffieren, daß er, vom Spott der Welt zurückgestoßen, gar bald umkehren würde. So kleidete sie ihn in ein Gewand aus grobem Sackleinen, setzte ihm eine Narrenkappe auf den Kopf und gab ihm plumpe Schuhe aus ungegerbtem Kalbsfell, wie Gaukler sie tragen.

"Du sollst mit meinem mütterlichen Rat in die Fremde hinausziehen", sag-
te sie und umarmte den geliebten Sohn inbrünstig. "So höre, was ich dir sage: Wenn du ohne Pfad daherziehst, so meide dunkle Furten; aber in die seichten und lauteren Furten kannst du kühn hineinreiten. Zum zwei-
ten: Sei höflich gegen jedermann und entbiete jedem deinen Gruß! Zum dritten: Hab Achtung vor einem grauen Haupte und folge dem Rate des erfahrenen Alters! Und zuletzt: Wenn eine edle Jungfrau dir Ring und Gruß bietet, da greif getrost zu; ein Kuß in Ehren bringt gutes Glück. Und du sollst wissen, mein Sohn Parzival, daß du von königlichen Ahnen bist und daß es der hochfahrende Lähelin war, der dir dein angestammtes Erbe entrissen hat!" "Das werde ich rächen!" rief Parzival entschlossen. "Mein Wurfspeer soll ihn zu Tode treffen!" Da umarmte ihn die Mutter in Liebe. Er küßte sie zum Abschied. Doch als Jung-Parzival am Waldesrand ihren Blicken entschwand, sank Frau Herzeleide tot zur Erde; der Ab -
schiedsschmerz hatte ihr das Herz gebrochen.

Die Herzogin bittet Parsifal zu gehen bevor ihr Gemahl kommt.
Inzwischen ritt der schöne Knabe fürbaß, ohne von dem Tode der ge-
liebten Mutter zu wissen. Der Weg führte ihn an einen Bach, den wohl ein Hahn hätte durchschreiten können; aber weil das Wasser dunkel erschien, so achtete er das Wort der Mutter und mied den Übergang. Den ganzen Tag ritt er am Ufer entlang und übernachtete schließlich im Freien, da er keine Furt finden konnte. Erst der helle Morgen zeigte das seichte Wasser so klar, daß er den Übergang wagte. Bald darauf über-
querte er eine Wiese, auf der ein Zelt stand; es war ganz aus kostba-
rem Sammet und mit schwarzen Borten verziert. Behutsam wagte der Junge einen Blick in das Innere. Da sah er eine schlafende Frau, edel geformt war sie und liebreizend ihr Mund mit den leuchtenden Lippen. Es war Jeschute, die Frau des Herzogs Orilus.

"Wie hat mir die Mutter angeraten?" sagte Parzival leise zu sich. Er dachte an ihre Worte von Gruß und Ring, und unbekümmert schob er den Vorhang beiseite, gab der Schlafenden einen Kuß und zog ihr dabei den Ring vom Finger. Frau Jeschute mußte wohl wach werden von der unsanften Berührung. "Was erlaubt Ihr Euch" Junker, mein Gemach zu betreten und mich durch Euren Kuß zu entehren?" fuhr sie voll Zorn und Scham auf. Doch Parzival kümmerte sich nicht um ihren Unwillen. "Meine Mutter lehrte mich so", versetzte er; "und außerdem habe ich Hunger." Da mußte die Herzogin trotz aller Kränkung lächeln.

"Dort auf dem Tisch findet Ihr Brot und Wein und auch zwei zarte Reb-
hühner, die meine Dienerin mir brachte." Da setzte der ungebetene Gast sich zum Mahl und trank auch reichlich von dem Wein. Schamgefühl und der Gedanke an den Herzog ließ Frau Jeschutes Herz ängstlich schlagen: "Junker", bat sie, "gebt mir mein Ringlein zurück und zieht eilig Eures Weges! Trifft der Herzog Euch hier an, so wäre es sehr zu Eurem Scha-
den!" Doch Parzival war unbesorgt. "Was sollte ich mich wohl vor dem Zorn Eures Gemahls fürchten, edle Frau? Wenn ich aber Eurer Ehre Schaden antue, so will ich Euch gern zu Willen sein und meines Weges gehen!" Entsetzt wich die Herzogin zurück, als er ihr zum Abschied wie-
der einen Kuß raubte. "Der Kuß einer edlen Frau bringt Glück, hat mich meine Mutter gelehrt", so sagte er treuherzig, grüßte Frau Jeschute ehrerbietig und ritt davon. Er freute sich, den Rat seiner Mutter so trefflich befolgt zu haben

Mögen deine roten Lippen blaß werden und deine Augen rot vom Weinen...ich werde dich für deine Untreue strafen. Als Magd sollst du mir folgen auf einem Ackerpferd.
Bald kehrte der Herzog zu ihr zurück, und an dem niedergetretenen Gras erkannte er nur zu deutlich, daß Frau Jeschute Besuch gehabt hatte. "Hab ich das um dich verdient", fuhr er sie zornig an, "daß du mir solche Schande antust?" Mit Tränen in den Augen leugnete die Frau jede Schuld. Und ängstlich berichtete sie von dem närrischen Besucher, der ihr gegen ihren Willen Ring und Kuß geraubt und zu essen begehrt habe. Aber sie konnte doch nicht unterlassen, seine edle Erscheinung zu lo-
ben: "So viel Junker ich kennengelernt habe, nie sah ich solche Jugend-
schönheit!" Dies unbedachte Wort weckte natürlich die Eifersucht des Herzogs noch mehr. In seinem ritterlichen Zorn schwur er, den elenden Verführer zu züchtigen, wo er ihn antreffe. Jeschute aber wollte er hin-
fort nicht mehr als sein Ehgemahl achten. "Mögen deine roten Lippen blaß werden und deine Augen rot vom Weinen - ich werde dich für deine Untreue strafen. Als Magd sollst du mir folgen auf einem gemeinen Ak-
kerpferd; und statt des kostbaren Zügels sollst du einen bastgedrehten Strick führen!" Ohne die Tränen der Unglücklichen zu achten, rüstete der Herzog zum Aufbruch und befahl der verstoßenen Gattin, ihm zu folgen. Welches Herzensleid hatte Parzival ihr durch seine Unbedachtsamkeit gebracht! In grimmigem Haß ritt der Herzog der Fährte nach; aber der harmlose Knabe, der die Verfolgung nicht ahnte, war nicht mehr aufzu-
spüren. Unbefangen zog er seines Weges. Wer seinen Weg kreuzte, den grüßte er höflich und setzte hinzu: "So hat es mich meine Mutter ge -
lehrt."
Vor einem Felsabhang hörte er plötzlich die Stimme einer Jungfrau, die schrie verzweifelt. Sie saß am Bergeshang und hielt in ihrem Schoß einen toten Ritter. Voll Mitleid trat Parzival näher und grüßte höflich, wie ihn seine Mutter gelehrt hatte. "Gott schütze Euch, edle Jungfrau", rief er ihr zu. "Sagt mir doch, wer dem Ritter ein Leid zufügte. Wenn ich Euch nützlich sein kann, bin ich gar gern erbötig, für Euch einzutreten."

"Ich sehe, daß Ihr ein ritterliches Herz habt, Junker", erwiderte sie zag-
haft; "so hört: Dieser Ritter, um den ich traure, war mein Verlobter. Er wurde vom Herzog Orilus erschlagen. Doch ehe ich weiterspreche, sagt mir, wer Ihr seid! Ihr scheint mir treue Eltern zu haben, daß Ihr so lie-
bevoll Anteil zu nehmen wißt." Parzival erkannte in ihr Sigune, die Schwestertochter seiner Mutter. "Liebe Base", sagte der Junge voll Zorn und Mitleid; "ich werde dich an dem Herzog Orilus rächen. Zeige mir den Weg, den er geritten ist, so will ich ihn sogleich zum Zweikampfe stellen!"

Aber der Jungfrau war es schon leid, seine Kampfeswut geweckt zu haben, denn sie mußte ja fürchten, der unerfahrene Junge würde den Kampf gegen den grimmen Ritter nicht bestehen. So wies sie ihm den falschen Weg. Parzival aber machte sich voll Eifer an die Verfolgung und ritt die Straße, die ins Bretonenland führt. Und wer seinen Weg kreuzte, ob Ritter oder Kaufmann, den grüßte er mit höflichem Gruß und setzte arglos hinzu: "So hat mich's meine Mutter gelehrt." Gegen Abend kam der Junge, müde von dem langen Ritt, vor eine armselige Fischerhütte und bat um Obdach. Aber der Fischer, ein grober Geizhals, wollte ihn mit barschen Worten von der Tür weisen. Erst als Parzival ihm Frau Jeschu-
tes Ring zum Lohn bot, wurde der ungefällige Mann gefügig. "Willst du mir morgen früh den Weg an den Königshof weisen, wo König Artus Ta-
felrunde hält", setzte der Jüngling hinzu, "so soll dieser goldene Ring dein Eigentum sein." So kam Jung-Parzival vor die Stadt Nantes ins Reich des Königs Artus.

So kam Jung-Parzival vor die Stadt Nantes ins Reich des Königs Artus.
  Parsival zweiter Teil