Ritter Manfred in seiner Bibliothek.

   Parsifal rettet Frau Jeschute  

Da erblickte er vor sich ein seltsames Paar, einen wohlgerüsteten Ritter, dem in demütigem Abstande eine junge Frau folgte. Aber wie jammernswert war ihr Aufzug

Einsam setzte Parzival seinen Ritt fort. So sehr hatte ihn das Schicksal mit Schuld überhäuft, daß er den entschei-
denden Augenblick seines Ritterlebens verspielt hatte! Hatte er schuldhaft gehandelt, als er durch sein Schweigen unwissend so große Gnade verscherzte? Da erblickte er vor sich ein seltsames Paar, einen wohlgerüsteten Ritter, dem in demütigem Abstande eine junge Frau folgte. Aber wie jammernswert war ihr Aufzug! Auf elendem, halbver-
hungertem Klepper hockte sie. Lumpen bedeckten dürftig ihren schönen Leib. Als Parzival sie mit ritterlichem Anstand grüßte, erkannte sie ihn sofort: "Wieviel Leid habe ich um Euretwillen erleiden müssen," stieß sie hervor; "denn Ihr seid es, dem ich dieses armselige Schicksal verdanken muß." Es war die unglückliche Frau Jeschute, der Parzival einst in ge -
dankenlosem Übermut Ring und Kuß geraubt hatte und die dafür von ihrem Gemahl, dem Herzog Orilus, so schimpflich behandelt wurde.

Parzival war sofort entschlossen, die Ehre der schönen Frau wieder-
herzustellen. Schon hatte er den Speer eingelegt und ritt gegen den Herzog an. Wortlos, ohne sich Fehde anzusagen, prallten die beiden Recken aufeinander.

Wortlos, ohne sich Fehde anzusagen, prallten die beiden Recken aufeinander. Frau Jeschute stand hinter ihrem Gemahl.
Beide Ritter gaben ihr Bestes. Lanzensplitter stoben, und Funken sprühten unter machtvollen Schwerthieben. Aber der kampferfahrene Herzog war der Urkraft des jungen Ritters nicht gewachsen. Parzival stürzte ihn zu Boden, daß das Blut aus dem Visier sprang. Da mußte sich Orilus ergeben. "Ich werde dein Leben schonen", rief der junge Sieger, "wenn du mir in die Hand gelobst, dein Ehgemahl wieder in ritterlichen Ehren aufzunehmen und ihr alles zu verzeihen." Herzog Orilus versprach die geforderte Sühne und nahm seine so lange verstoßene Frau wieder in aller Liebe auf.

   Parsifal begegnet den Artusrittern  
Begegnung mit den Artusrittern.
Parzival irrte weiter in der unendlichen Waldeinsamkeit umher. Seine Gedanken rissen ihn in Selbstvorwürfen und Zweifeln hin und her. Würde es ihm nun gelingen, die Gralsburg wiederzufinden? Das wußte er aus Sigunes Worten: "Kein Sterblicher kann den Weg dorthin aus eigener Kraft erzwingen. Nur wer sich ebenso tapfer wie glaubensstark be -
währt dem weist Gott den Weg". Eines Morgens, als Parzival sich von dem harten Lager auf dem nackten Erdboden erhob, war ringsum alles verschneit. Da scheuchte ein Falke von König Artus Rittern, die ganz in der Nähe ihr Zeltlager aufgeschlagen hatten, eine Schar Wildgänse auf. Eine von ihnen schlug er im Fluge unmittelbar über Parzival, daß drei Blutstropfen vor ihm in den Schnee fielen. Drei Tropfen Blut! Sinnend blickte der junge Recke auf das Bild: "Rot und weiß, wer ist es, an den mich diese Farben gemahnen?" Er starrte vor sich hin, und aus den drei Tropfen wurde Kondwiramurs Bild, das liebliche Antlitz seiner Gattin, weiß und rot so wie Milch und Blut.
Parsifal kämpft gegen Segramor, den Neffen der Königin.
Er verhielt auf seinem Rosse, die Umgebung versank ihm; mit erhobenem Speere stand er traumverloren da wie schlafend. In der Nähe lagerte König Artus mit seinen Rittern; er wollte den kühnen Parzival, dessen Ruhm durch alle Lande erklang, für seine Tafelrunde gewinnen. Da kam einer seiner Knappen voller Erregung herbeigestürzt: er hatte einen Ritter zu Pferde angetroffen, der wie ein Standbild im Schnee verhielt. In kecker Streitlust zogen sogleich König Artus' Recken aus, um den Eindringling zu besiegen: Zuerst Segramor, der Neffe der Königin. Ohne die Wirklichkeit recht zu erfassen, schlug Parzival ihn aus dem Sattel. Ebenso erging es Herrn Keye, des Königs Seneschall; ohne es zu wissen, löste Parzival damit das Versprechen ein, das er einst Frau Kunneware gegeben hatte.
Ebenso erging es Herrn Keye, des Königs Seneschall. Ohne es zu wissen, löste Parzival damit das Versprechen ein, das er einst Frau Kunneware gegeben hatte.
Erst als Ritter Gawan waffenlos anritt und über die drei Blutstropfen seinen Mantel warf, kehrte Parzival in die Wirklichkeit zurück. Willig ließ der junge Recke sich in König Artus' Lager führen und in die Tafelrunde aufnehmen. Alle Tischgenossen boten ihm ritterliche Freundschaft an.
Auf gespenstigem Maultier, das hoch wie ein Streitroß war und klap-
perdürr, die Nüstern aufgeschlitzt und mit prunkvollem Zaumzeug, kam eine Jungfrau dahergesprengt. Eine Jungfrau, von welch erschrek-
kendem Aussehen! Eine Nase hatte sie wie ein Hund, ihr Antlitz war struppig, und zwei Eberzähne ragten ihr wohl spannenlang aus dem Munde. Ohren hatte sie wie ein Bär, und unter ihrem Hut, der von golddurchwirkter Seide war, hing ein Zopf von Schweinsborsten bis auf den Rücken des Maultieres herab. Die Fingernägel waren wie die Krallen eines Löwen. Es war Kundrie, ein Bild weiblicher Häßlichkeit trotz der Pracht ihrer prunkvollen Gewänder. Aber sie war hoch gelehrt in aller Weisheit und kundig aller Sprachen - sie war die Fluchbotin des Grals!
"Weh über Euch, König Artus", schrie sie den König gellend an. "Weh über Euch! Der Ruhm Eurer Tafelrunde ist geschändet durch den Un-
würdigen, den Ihr in Eurer Mitte aufgenommen habt. Die Ehre Eurer Tafelrunde ist dahin!" Die Tafelrunde erstarrte in Grauen. Ehe der König ein Wort erwidern konnte, wandte sie sich an Parzival. "Fluch über Euch, Fluch über Eure Jugendschönheit und Eure ritterliche Gestalt! Fluch über Euch!" Unheimliches Schweigen lag über der Tafelrunde.

"Warum, so frage ich Euch, warum habt Ihr Amfortas, Seufzer und Klagen am See nicht beachtet, warum habt Ihr ihn nicht von seinen Leiden erlöst? Ihr sahet den Heiligen Gral und den blutigen Speer und habt dennoch keine Frage getan? Habt Ihr denn kein Erbarmen mit Amfortas, Not gehabt? Eine einzige Frage hätte all sein Elend wenden und Euch zu aller irdischen Glückseligkeit erheben können! Herzeleides Kind hat den Weg der Ehre verfehlt!" Kundrie selbst aber hatte vor Erregung jede Fassung verloren. Sie warf Parzival einen haßerfüllten Blick zu und jagte ohne Abschiedsgruß davon. Parzival war bleich vor Schrecken. Sein Herz war zerrissen von Reue und Kummer.

König Artus gelobt Parsifal ewige Treue.
"Durch Unwissenheit habe ich meine große Aufgabe verspielt", sagte er; "nun bleibt mir nichts als die Pflicht, das Versäumte zu sühnen. Ich will nicht ruhen noch rasten, bis ich den Heiligen Gral gefunden und den unglücklichen Amfortas von seinen Qualen erlöst habe!" Trauernd um-
ringten die Ritter der Tafelrunde ihn zum Abschied, und Artus gelobte ihm ewige Freundschaft. Der edle Gawan, dem er sich in inniger Freundschaft verbunden fühlte, gab ihm eine Wegstrecke das Geleit. "Gott sei mit dir auf deinem Ritte", wünschte er ihm. "Weh, was ist Gott!" erwiderte Parzival mit Bitterkeit im Herzen. "Wäre er allmächtig, so hätte er mir wohl nicht solche Schande zugefügt. Nun aber bin ich entschlossen, ihm allen Dienst aufzusagen!" Mit seinem Gotte verfallen, ritt er in die Welt hinaus.
Der edle Gawan, dem er sich in inniger Freundschaft verbunden fühlte, gab ihm eine Wegstrecke das Geleit.
Viele Jahre zog er als fahrender Ritter umher, ohne sein Ziel zu errei-
chen. In einer Einsiedlerklause traf er schließlich Sigune, seine Base, die dort - ein Bild des Erdenjammers um ihren erschlagenen Verlobten trauerte. Voll Betrübnis vernahm sie, daß Parzival vergeblich den Gral suche. Jeden Samstag, so erzählte sie ihm, erscheine Frau Kundrie, die Gralsbotin, bei ihr und versorge sie mit Nahrung. Das gab dem jungen Ritter neue Hoffnung. Er folgte der Spur des Maultiers, doch bald verlor sie sich im Gesträuch. So ging ihm abermals der Gral verloren.
Parsifal an einem kalten Märzmorgen.
An einem kalten Märzmorgen begegnete ihm in einem riesenhaften Walde ein seltsamer Zug. Barfuß und im Büßergewande kam ein grau-
bärtiger Ritter daher, ihm zur Seite seine Gemahlin und zwei zarte Töchter in gleicher Kleidung; gesenkten Hauptes folgten Ritter und Knappen. Welchen Gegensatz bot der herrliche Recke in seiner strah-
lenden Rüstung zu dem bußfertigen Aufzug der Barfüßigen! "Ihr tut gar Unrecht, daß Ihr am heiligsten Tage des Jahres im Schmucke Eurer Waffen daherreitet", redete der Alte ihn milde an. Doch Parzival ver-
stand nicht seinen Tadel. "Was kümmert mich des Jahres oder der Wochen Lauf, was die Namen der Tage? Es gab eine Zeit, da diente ich einem, der heißt Gott. Stets war ich beständig in diesem Dienst und wahrte ihm die Treue. Und er - er entgalt mir's mit Schmach und ver-
hängte schmählichen Spott über mich!" "Wenn Ihr Christus meint mit Euren Worten, Herr, so versündigt Ihr Euch gar schwer. Denn wisset, daß heute Karfreitag ist, der Tag, an dem unser Heiland für die sündige Menschheit den Kreuzestod erlitt. Achtet die Heiligkeit dieses Tages! Folget uns zur Behausung des frommen Trevrizent. Der kann Euch auf den rechten Weg zurückweisen." Aber Parzivals Herz war zu verstockt. Er war nicht bereit, dem Rate des Alten zu folgen. Unwillig riß er sein Roß herum und ließ ihm die Zügel. Aber wie staunte er, als er erkennen mußte, daß das edle Pferd eigenwillig den Weg suchte und ihn gerade-
wegs vor Trevrizents Behausung führte.
Noch lange saß er im vertrauten Gespräch mit dem Alten, und dessen väterliche Mahnungen wurden ihm wie eine langersehnte Belehrung aus allen Zweifelsgedanken und gaben ihm Trost und Frieden nach der langen Irrfahrt.
Der würdige Greis nahm ihn freundlich auf und verwies ihn auf die Güte Gottes. "Ich habe stets gemeint, ihm in Treue zu dienen", sagte Parzival dumpf; ,"aber meine Treue hat mich in tiefstes Leid gestoßen!" "Denkt Ihr denn" man könne Gottes Liebe und Hilfe erzwingen?" rief Trevrizent. "Wißt Ihr nicht, daß der Herr nur dem sich huldvoll zuneigt, der ihm in Treue dient, ohne Zweifel und Anfechtung? Nur wer gläubig und reinen Her-
zens ist, wer frei von Hochmut und schwächlichem Zweifel, er-
scheint des Grals würdig."

Trevrizent redete ihm tröstend zu: "Als erstes sage ich dir: Gott hat dich nicht verlassen. Ver-
traue ihm mit gläubigem Herzen, so wird er dich aus aller Bedrük-
kung befreien!" Noch lange saß er im vertrauten Gespräch mit dem Alten, und dessen väterliche Mah-
nungen wurden ihm wie eine langersehnte Belehrung aus allen Zweifels-
gedanken und gaben ihm Trost und Frieden nach der langen Irrfahrt. Als die beiden voneinander schieden, ritt Parzival versöhnt mit seinem Gott und frei von allen Zweifelsqualen neuem Leben entgegen.

   Parsifals Berufung  

Mannigfache Abenteuer hatte der Held noch zu bestehen, bis ihn der Weg wieder an König Artus' Hof führte. Beim festlichen Mahle feierte man dort die Rückkehr des Helden. Da geschah es wie einst: auf dem häßlichen Maultier kam die häßliche Jungfrau angesprengt: Kundrie, die Gralsbotin, stand plötzlich wieder vor den Rittern der Tafelrunde! Doch sie brachte dem leidgeprüften Parzival nicht neuen Fluch, sondern eine herrliche Botschaft: die Zeit seiner Prüfung war vorbei - er war nun zum Gralskönig auserkoren!
Erst jetzt erfuhr Parzival, daß die liebliche Kondwiramur ihm Zwillinge geboren hatte. Sein Sohn Lohengrin würde einst sein Nachfolger als Hüter des Grals sein. In Kundries Begleitung zog Parzival nun zur Grals-
burg. Welche Gefühle bestürmten den Auserkorenen, als er den Saal betrat, in dem er einst die entscheidende Wende seines Lebens erlebt hatte! Im Nebenzimmer lag der sieche Amfortas auf seinem Schmer-
zenslager. Schreckliche Schmerzen hatte der Todkranke in der langen Zeit durchleiden müssen. Neue Hoffnung ergriff ihn, als er seinen Retter erblickte. "Wie lange habe ich voll Sehnsucht auf dein Kommen gewar-
tet", rief er dem Neffen mit frohem Willkommensgruß zu. "Hilf mir nun, meine Not zu beenden!" Jungfrauen hatten die segenspendende Schale des Grals enthüllt. Da sprach Parzival ein Gebet, trat dann vor Amfortas und fragte ihn ruhig: "Sag mir, lieber Oheim, woher kommen deine quälenden Schmerzen? Sag mir, wie ich dir helfen kann!" Das war die erlösende Frage.
In überströmendem Glück begrüßte er die geliebte Frau und die zwei Kinder und ritt mit ihnen zur Gralsburg.
Mit verklärtem Gesicht erhob der König sich von seinem Schmerzens-
lager und umarmte den Neffen. Nach dem heiligen Gebot überreichte er Krone und Herrschaft an den neuen Herrn. Sogleich ging die Freuden-
botschaft an die edle Kondwiramur. Parzival ritt ihr entgegen und traf sie mit den beiden Söhnen Kardeis und Lohengrin auf einer Aue - es war die Stelle, wo er einst traumverloren vor den drei Blutstropfen gestanden hatte. In überströmendem Glück begrüßte er die Geliebte Frau und die zwei Kinder. So wundersam fügte es das Schicksal. In ehrenvollem Geleit der Gralsritter zog der junge König mit seiner Gattin und seinem Sohne Lohengrin, dem Gralserben, dann zur Gralsburg hinauf, während Kardeis mit dem Gefolge der Königin in die Heimat zurückkehrte. Es war tiefe Nacht, als das Ehrengeleit auf der Burg eintraf. Doch man hatte Fackeln und Kerzen in solcher Menge anzünden lassen, daß es aus der Ferne schien, die Burg stehe in Flammen. Im großen Festsaale der Burg saß man dann beim Mahle. Aber nicht wie einst, da der blutige Speer durch den Saal getragen wurde, herrschte Klage und Trauerlaut; nein Freude lag über dem weiten Saale, seit man aller Sorge ledig war. Wieder voll-
zog sich die feierliche Handlung: Die edlen Jungfrauen geleiteten in züchtigem Anstand die schöne Repanse de Schoye, die das Gralshei-
ligtum trug; die Kämmerer rüsteten die Tische zum Festmahle und zogen auf den Speisewägelchen die kostbaren Goldgefäße herein, die Knappen standen zur Aufwartung bereit. Und wieder wie damals erwies der Heilige Gral seine Wunderkraft und spendete an kostbarsten Speisen und Getränken, was jeder begehrte. An der Seite der schönen Kondwi-
ramur aber führte Parzival als Gralskönig viele Jahre die Herrschaft in weiser Ritterschaft und frommer Demut.