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  Zu Besuch in der estnischen Hauptstadt Tallinn  

Tallinn (amtlich bis zum 24. Februar 1918 Reval, ein im deutschsprachigen Raum auch danach noch gebräuchlicher Name ist die Hauptstadt von Estland. Sie liegt am Finnischen Meerbusen der Ostsee, etwa 80 Kilometer südlich von Helsinki. Der Name Tallinn, den die Stadt seit der Eroberung durch den dänischen König Waldemar 1219 im Estnischen trägt, wird üblicherweise von "Taani-linn(a)" (Dänische Stadt oder Dänische Burg, lateinisch: Castrum Danorum) abgeleitet.

Estlands Hauptstadt Tallinn

    

Die Ursprünge Revals gehen auf eine hölzerne Burg (auf dem heutigen Domberg) und einen vermuteten estnischen Handelsplatz zurück, die Mitte des 11. Jahrhun-
derts gebaut wurden. Gleichzeitig wurde in dieser Zeit der Hafen Tallinns angelegt. Der Name Reval rührt vom estnischen Namen der umliegenden Landschaft Revele her und wurde für die Burg und die spätere Stadt erst von Dänen und Deutschen geprägt.

Burgmauer mit Turm

  Estland unter Dänische Herrschaft  

Mit angeblich 5.000 Langbooten segelte der König gemeinsam mit Bischof Anders Sunesen, Bischof Theoderik von Estland, Graf Albert von Nordalbingien und Witslaw I. von Rügen nach Lyndanisse, wo er die estnische Burg besetzte, die er später Castrum Danorum nannte.

Im Jahre 1219 eroberte der dänische König Waldemar II.
die alte estnische Burg (Schlacht von Lyndanisse) auf
dem Domberg, errichtete sie neu und begann mit dem
Bau einer Domkirche für den von Dänemark um 1167 im
Zuge seiner Missionierung ernannten Bischof der Esten, Suffragan des Erzbischofs von Lund. Dänemark konnte
die Burg jedoch nicht lange gegen die aufständischen
Esten und die vordringenden Deutschen halten. 1227 eroberte der Schwertbrüderorden Reval mit päpstlicher Genehmigung und erhielt die Burg und einen Großteil des heutigen Estland zur Verwaltung aus der Hand des päpstlichen Statthalters in Estland. Wahrscheinlich um seine Stellung gegen die ländlichen Vasallen zu stärken, ließ der Schwertbrüderorden im Jahre 1230 aus Gotland 200 westfälische und niedersächsische Kaufleute anwerben, die sich, mit Zollfreiheit und Land belehnt, unterhalb der Burg an-
siedelten. Obwohl eine Gründungsurkunde nicht überliefert ist, ist hierin wohl die eigent-
liche Gründung einer Stadt Reval zu sehen.

Anmerkung:Die Legende erzählt, dass während der Schlacht, als die Esten die Dänen
sehr bedrängten, der Danebrog, die spätere Flagge Dänemarks mit weißem Kreuz auf ro-
tem Grund, vom Himmel gefallen sei. Dieses Ereignis hätte den Kreuzfahrern neue Hoff-
nung gegeben. Der Danebrog ist jedenfalls die älteste heute noch in Gebrauch befind-
liche Staatsflagge.

Die StadtmauerDas alte Stadttor

Bilder oben: Stadtmauer (Ecke Suur-Kloostri und Väike-Kloostri Straßen), die Stadtmauer war 3 m dick, 16 m hoch und 4 km lang; mit ihren 46 Abwehrtürmen umschloss sie die Stadt vollkommen. Der Teil der Stadtmauer, der bis heute überlebt hat, ist 2 km lang und umfasst 26 der ursprünglichen Türme. Drei Türme (Nuuna, Sauna und Kuldjala) sowie ein Teil der Stadtmauer stehen zur Besichtigung offen.

Als der Orden es ablehnte, seine Lehnsherrschaften und die Burg drei Jahre später wieder an den päpstlichen Legaten zu übergeben, machte der dänische König seine Ansprüche auf Reval und Estland wieder gel-
tend. Nach einer vernichtenden Niederlage des Ordens gegen ein litaui-
sches Heer im Jahre 1236 strebte der Schwertbrüderorden die Vereini-
gung mit dem Deutschen Orden an, die der Papst nur gegen die Herausgabe Revals genehmigte. So ging der Schwertbrüderorden 1237 in den Deutschen Orden über und Reval fiel 1238 an Dänemark. In diesem Zusammenhang wurde Reval zum ersten Mal als civitas erwähnt.

An der Stadtmauer

Unter der erneuten dänischen Herrschaft bis zum Jahre 1346 gewann die Stadt rasch an Größe und wirtschaftlicher Bedeutung. Im Jahre 1248 erhielt sie vom dänischen König das lübische Stadtrecht, das bis 1865 galt. Das Lübecker Stadtrecht galt allerdings nicht auf dem Domberg. Mit der gleichen Urkunde wurden die ersten Ratsherren ernannt. Die Stadt erhielt nach und nach umfangreiche Privilegien, die sie vom Landesherrn weitestgehend unabhängig machten. Die Amtssprache in Tallinn war bis 1889 Deutsch.

Am Marktplatz

Obwohl Reval unter (zunehmend lockerer) dänischer Herrschaft stand, behielt die Stadt eine deutsche Oberschicht, und da diese fast aus-
schließlich aus Kaufleuten bestand, war ein baldiger enger Kontakt zur Hanse nicht verwunderlich. Dass sich Reval als der Hanse zugehörig betrachtete, ist bereits für 1252 belegbar und findet spätestens 1285 ausdrückliche Erwähnung. Von wirtschaftlicher Bedeutung war die dänische Entscheidung von 1294, allen deutschen Kaufleuten den Handelsweg nach Nowgorod über Reval und Narwa zu gestatten. Damit war der Grundstein gelegt, Reval zu einem Knotenpunkt des hansischen Ostseehandels werden zu lassen.

Auf dem Marktplatz

In unserem Hotelzimmer

  Reval und der Deutsche Orden  

Die Ritter des Deutschen Ordens
Nach der Niederschlagung eines großen Estenaufstandes mit der Hilfe des Deut-
schen Ordens entließ der dänische König
1346 seine estländischen Vasallen aus
ihrem Treueid und verkaufte seine Rech-
te an Nord-Estland dem Deutschen Or -
den. Reval, das sich im Jahr vor dem Ver-
kauf alle bestehenden und einige neue Privilegien durch den dänischen König hat-
te bestätigen lassen, bekam nun durch den neuen Landesherrn sämtliche Privilegien zugesichert und konnte so seine rechtliche und autonome Stellung während des Wech-
sels noch ausbauen. Reval, Teil des "Liv-
ländischen Drittels" der Hanse, erhielt 1346 zusammen mit Riga und Pernau das Stapelrecht, das alle mit Russland Handel treibenden Kaufleute dazu verpflichtete, eine der drei Städte anzulaufen und für einen Zeitraum von drei bis acht Tagen ihre Waren auf dem Markt anzubieten. Mehrere exklusive Handels-
rechte für die Revaler Kaufleute beendeten den bis dahin für jeden offenen Freihandel in
der Stadt. Die bisher wichtigste Handelsstadt der Ostsee, Wisby, konnte sich von der Plünderung durch den dänischen König 1361 und in den darauf folgenden Kriegsjahren
nicht wieder zu ihrer vorherigen Vormachtstellung erholen, und als zur Jahrhundertwende auch die Vitalienbrüder aus der Ostsee verbannt werden konnten, war Reval die wichtig-
ste Stadt des hansischen Osthandels.

Aufbegehren gegen Moskau 1501-1503

Der Russlandhandel blieb allerdings nicht immer ungetrübt. Nach mehreren unsi-
cheren Jahren brach 1471 der Handel mit Nowgorod durch Angriffe der Moskauer ganz ab, und 1478 wurde das bis dahin unabhängige Fürstentum von den Moskau-
ern endgültig erobert. Das Großfürstentum Moskau führte auch Krieg gegen Liv -
land, mit dem es nun eine gemeinsame Grenze besaß. Der Einfall der Moskauer Russen in Livland 1481 brachte der von Flüchtlingen überfüllten Stadt einen schweren Pestausbruch. Weitere schwere Seuchenjahre der Stadt waren 1464, 1495/96 und 1519/20. Nach einer kurzen Friedensperiode, in der das Nowgoroder Handelskontor wieder eröffnet und erneut geschlossen wurde, folgte 1501-1503 ein erfolgreicher Kriegszug des Deutschen Ordens gegen Moskau, an den sich ein bis 1558 dauernder Friede anschloss.

Warten auf einen freien Platz

Wir wollten bei diesem schönen Wetter nicht im Hotel, sondern im Freien frühstücken. Aber wir mussten warten bis ein Platz für zwei Personen frei wurde. Die Bedienung links neben mir war schon am Ausschau halten, denn gerade sie wusste, wer schon früh erschienen war und sicher bald zahlen wollte.

  Zwischendurch etwas weiter:

    

Die Kriege mit den Moskauer Russen brachten für Livland und Reval schwere Verluste an Wirtschaft und Bevölkerung. Erst 1514 gelang
die erneute Errichtung einer Handelsbeziehung der livländischen Städte Reval und Dorpat mit Nowgorod, die zu einer neueren wirtschaftlichen Blüte bis in die 1550-er Jahre führte. Im 16. Jahrhundert hat die Stadt ca. 6000-7000 Einwohner. Die Reformation erreichte Reval 1523/24. Ihren endgültigen Durchbruch erlebte sie, als sich im Juli 1524 Vertreter der livländischen Städte und Ritter im Revaler Rathaus versammelten
und beschlossen, bei der protestantischen Lehre zu bleiben und sie mit allen Mitteln zu verteidigen. Im September des gleichen Jahres kam es
zu einem Bildersturm, dem die Ausstattung dreier Kirchen zum Opfer fiel. Die Verluste blieben dabei verhältnismäßig gering, da der Rat bereits am nächsten Tag die öffentliche Ordnung wieder herstellen konnte und für die Rückerstattung der geraubten Kunstschätze sorgte. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Reformation in Livland und auch in Reval unblutig erfolgte. Am 9. September 1525 wurde die neue Lehre in Reval durch der Erlass einer lutherischen Kirchenordnung seitens des Rates und der Gilden "amtlich".

  Schutzmacht Schweden  

Die restliche Zeit der Ordensherrschaft war von inneren und äußeren Streitigkei-
ten geprägt, bis Moskau bei seinem Einfall 1558-1561 den Deutschen Orden in Livland besiegte. Reval wandte sich an Schweden als Schutzmacht, womit eine
bis zum Großen Nordischen Krieg 1710 anhaltende schwedische Herrschaft in der Stadt begann. 1549 erhielt die Olaikirche einen gotischen Turm mit der zu dieser Zeit außergewöhnlichen Höhe von 159 Meter - bis zum Brand von 1629 blieb er das höchste Gebäude der Welt. Heute ist er nach einem Wiederaufbau im 19. Jh. nur noch 123,7 Meter hoch. 1561 wurde die Stadt in der Zeit des Livländischen Krieges schwedisch. Die Schweden reduzierten nach und nach die Vorrechte der Deut-
schen, jedoch nicht in dem Ausmaß, wie es die Esten im Hinblick auf den Status der Bauern in Schweden zunächst erhofften.

Die Olaikirche in Tallinn

Benannt wurde die Kirche nach dem norwegischen König Olav II. Haraldsson, der heilig gesprochen wurde und als ein Beschützer der Seefahrer betrachtet wird. Einer der Gründe für den Bau eines so hohen Kirchturmes war die Funktion des Turmes als Signal für die Seefahrt. Somit war die Hansestadt Tallinn schon von weitem auf See zu erkennen. Allerdings brachte ein solch hoher Turm auch Risiken mit sich, mindestens acht mal schlug ein Blitz in den Kirchturm ein und drei mal brannte die Kirche komplett nieder. Die Flammen waren selbst auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens in Finnland zu sehen.

Der Kanonenturm 'Dicke Margarete' in Tallinn

Der Kanonenturm 'Dicke Margarete, die Stadtmauer. Sie hatte im Mittelalter 6 To-
re, alle hatten ein bis zwei Vortore, Hängebrücken über den Wallgraben und Fall-
gitter. Die Große Strandpforte mit der "Dicken Margarethe". Erhalten ist das Vortor mit dem Kanonenturm Dicke Margarete', dessen Durchmesser 25 m beträgt. Heute beherbergt er das estnische Seefahrtsmuseum, das einen Überblick über die Ge -
schichte der Seefahrt und Fischerei gibt.

Das Kadriorg Castle

Das Kadriorg Castle

Dieser wunderschöne pinke Barockpalast war die Sommerresidenz des Zaren Peter I. und steht stolz im Zentrum des gleichnamigen Seebades etwas außerhalb von Tallinn. Die Straßen sind von Nobelvillen umgeben und der Palast beherbergt heute die estnische Kunstkollektion auslän-
discher Künstler, mit Tausenden von Werken europäischer und russischer Künstler aus dem 16. bis 20. Jahrhundert. Möbel, Skulpturen, Zeichnungen und Drucke gehören alle zu den Ausstellungsstücken, die nicht nur Kunstliebhabern gefallen werden. Zudem ist der Palast auch ein Veranstaltungsort für Konzerte und Theateraufführungen, Lesungen und Empfänge. Der Park, der den Palast umgibt, ist ein beliebter Erholungsort für Touristen und Einwohner zugleich. Er besteht aus angelegten Gärten, dem symmetrischen Schwanensee, sowie Wiesen und Wälder, durch die sich Pfade schlängeln.

Das Kadriorg Park

Der Schwanensee im Kadriorg Park

Einen herausragenden Platz unter den Hansestädten nahm Reval aufgrund eines einzigartigen Privilegs ein: sämtliche vorbeikommende Waren mussten vor den Toren der Stadt gestapelt werden. Revals Kaufleute verdienten so am erzwun-
genen Zwischenhandel zwischen Ost und West. Schnell wurde die Stadt zur Festung, mit 35 Türmen bewehrt.

Wesentlichen Anteil an der Stadtgeschichte hatte die Bruderschaft der Schwarz-
häupter, eine Vereinigung von unverheirateten Kaufgesellen, die später als Mit-
glieder der Großen Gilde in das Patriziat der Stadt aufsteigen konnten. Heiko Petermanns Film erzählt die exemplarische Geschichte eines solchen Aufstiegs: Hans Pawels, der 1460 nach Reval kam, machte seinen Weg als angesehener Handelsherr ins Rathaus.

Von dort ergingen Aufträge an die bedeutendsten Künstler der Zeit:
Der Lübecker Meister Bernt Notke etwa schuf den Revaler Totentanz. Zu Hans
Pawels' Lebenszeit besaß Reval das Handelsmonopol in Richtung Osten. Pelze, Getreide und Wachs wurden gegen Tuch und Salz getauscht, in den Lagerhäusern hortete man im Herbst das billige Getreide, um es im Frühjahr in Zeiten des Hungers teuer zu verkaufen. 200 Jahre später musste sich Reval den Zaren in Moskau zwar unterwerfen. Doch es behielt seine Handelsprivilegien - wieder ein Sieg für die Handelsherren und ihre prächtige Stadt. (Bild unten)

Das Kadriorg Park

Haus der Bruderschaft, als wäre es heute und nicht im Mittelalter

Die Katarina-PassageSeitenstrasse

Seitenstrasse zur KircheIn der Altstadt

  Republik Estland 1918–1940 - Sowjetrepublik und Zweiter Weltkrieg

    

Am 14. Februar 1918 wird die selbstständige Republik Estland ausgerufen, die Stadt, die nun Tallinn hieß, wird schließlich Hauptstadt des unabhängigen Estlands. Die eigentliche Unabhängigkeit wurde im Freiheitskrieg (1918-1920) erkämpft und durch den Friedensvertrag mit dem sowjetischen Russland gekrönt. Ein geheimes Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt (im August 1939) machte den Weg für die Okkupation und Annexion Estlands durch die Sowjetunion frei. Die deutschbaltische Bevölkerung wurde vom Tallinner Hafen aus auf Befehl Hitlers in den neu geschaffenen Reichsgau Wartheland umgesiedelt. Nach der sowjetischen Okkupation im Juni 1940 wurde die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik ausgerufen, deren Hauptstadt Tallinn blieb. Es begannen die ersten Deportationen der estnischen Bevölkerung – insbesondere der politischen und kulturellen Elite – nach Sibirien und Nordrussland. In den sowjetischen Terrorwellen nach 1940 und dann wieder ab 1944/45 wurde insgesamt jeder fünfzehnte Este ermordet und jeder siebzehnte zumindest für zehn Jahre nach Sibirien verschleppt (Frankfurter Allgemeine, 14. Mai 2007).

Die Pikk Strasse

  Die sowjetische Diktatur wird ersetzt durch die deutsche Diktatur

    

1941 besetzte die deutsche Wehrmacht Tallinn, wodurch die Stadt und das Land von einer Willkürherrschaft in die nächste geriet. Hitler verfolgte das Ziel, Estland dem Deutschen Reich anzugliedern. Die von den Esten erhoffte Wiederherstellung der Unabhängigkeit erfolgte nicht. Dennoch beteiligten sich viele junge Esten am Vormarsch der deutschen Wehrmacht nach Osten und nahmen auch an Vernich-
tungsaktionen teil. Die deutsche Besatzungsmacht ließ die jüdische Bevölkerung Tallinns und Estlands nahezu gänzlich ermorden. Am 9. März 1944 erfolgte ein schwerer sowjetischer Luftangriff. Es wurden 11% der Altstadt zerstört und 600 Tote gezählt. Während des Krieges blieb der Charakter der Altstadt trotz der Bom-
bardierungen durch die sowjetische Luftwaffe gegen die in und um Tallinn statio-
nierten deutschen Truppen erhalten. Die Wehrmacht wurde bis Ende 1944 von der Sowjetarmee im Zuge der Baltischen Operation aus Tallinn und Estland zurückge-
drängt und die sowjetische Herrschaft wiederhergestellt.

Estland ist heute wieder ein freies unabhängiges Land
Nach 51 Jahren wurde Tallinn am 20. August 1991, zur Zeit des Moskauer Put-
sches, erneut zur Hauptstadt eines unabhängigen Estlands, das kurz darauf der UNO beitrat. Seit 2004 ist Estland auch Mitglied der EU und der NATO.

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