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Wer war dieser Herrscher, der unversehens mit so viel Aufsehen wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt war? Welche Rolle hatte er in der Geschichte des Doppel- reiches gespielt? Vor der Entdeckung seines Grabes wußte man kaum etwas über ihn. Die wenigen Erinner- ungsstücke, die man kannte, waren zerbrochen und beschädigt, Sie ließen aber vermuten, daß sein Anden- ken Objekt einer gnadenlosen Verfolgung durch Haremhab (1332-1305 v. Chr.), den zweiten Pharao, der nach Tutanchamuns Tod den Thron Ägyptens bestiegen hatte, geworden war. Und doch dokumentiert ein Wand- gemälde in der Grabkammer, daß dem verstorbenen Herrscher alle damals üblichen Totenehrungen und Bestattungszeremonien von seinem direkten Nachfolger, dem betagten König Ay (Eje), dargebracht worden sind.

Dieser Umstand und die Tatsache, daß Tutanchamun im Alter von kaum neun Jahren in den Rang eines Pharao aufgestiegen war, beweisen, daß er seine Stellung rechtmäßig erlangt hatte und kein Usurpator war, dessen Andenken es auszulöschen galt. Tatsächlich wird auf einem Relieffragment aus einem Tempel in Hermupolis, das aus der Amarna-Zeit stammt und publiziert wurde, in unwiderlegbarer Weise bestätigt, daß Tutanchamun "Königssohn" war.Man weiß auch, daß der Knabe wenigstens einen Teil seiner Jugendzeit in Achet-Aton (Tell el-Amarna) am Hofe des häretischen Pharao Amenophis IV. (oder Achenaton beziehungsweise Echnaton, wie er sich später nannte) verbracht hat. Hier ist man nämlich wiederholt auf den Namen des jungen Prinzen gestoßen, der sich in jener Zeit Tutanchaton ("Das lebende Bild des Aton") nannte.

 


Was bedeutet dieser Name?
Etwa 160 Meilen südlich von Kairo, wo das Tafelge- birge aus Kalkstein auf der Ostseite des Nil sehr nahe an den Fluß heranreicht und dem fruchtbaren Boden fast keinen Raum läßt, weitet sich das Gelände unversehens zu einem riesigen, flachen, aus Sand geformten Amphi- theater, das am Fuße der ringsum fast senkrecht auf- steigenden Felsen liegt. Die Zone kultivierbaren Landes bildet einen schmalen Streifen, der die weite Ebene zum Fluß hin begrenzt. In dieser amphitheatralischen Landschaft, in die der Nilschlamm nicht gelangte, gründete Amenophis IV. (1365-1349/47 v. Chr.) der Sohn und Mitregent von Amenophis III., um das Jahr 1360 v, Chr. eine zweite Hauptstadt als Gegenpol zum reichen und prunkliebenden Theben.

Theben war zu mächtig geworden. Die um den Großen Tempel von Amun etablierte Priesterschaft - fast ein Staat im Staate - erfreute sich nicht nur der riesigen Reichtümer, die sie dank der re- gelmäßigen Schenkungen der Pharaonen angesammelt hatte, sondern auch besonderer Steuer- privilegien, die es den Priestern erlaubten, die empfangenen Wohltaten auch noch gewinnbringend anzulegen. Die Verlegung des königlichen Palastes von Ost-Theben, das unter der Herrschaft und Protektion der Amun-Priester stand, nach West-Theben, dem heutigen Malkata, muß ein Ausdruck des Unbehagens und der Spannung gewesen sein, die dieser Zustand erzeugte. Amenophis III. (1403-1365 v. Chr.) hatte dort für sich und "die große königliche Gemahlin Teje" eine luxuriöse Residenz errichten lassen. Wahrscheinlich war es eine mit dem Vater und der mächtigen und angesehenen Königinmutter abgesprochene Politik, daß Amenophis IV. als Mitregent nun den Entschluß zur Gründung einer zweiten Hauptstadt faßte.


 

Diese zweite Hauptstadt war einer bis dahin wenig verehrten Erscheinungsform des alten und entmach- teten Gottes Re ("die Sonne"), nämlich Aton ("die Scheibe"), geweiht. Nachdem für den Bau ein Ort ausgewählt war, der noch nicht durch frühere Kulte entweiht war, machte sich Amenophis IV. mit einer Gruppe von besonders treuen Beamten ans Werk. Zu dieser Gruppe gehörte der Wesir und Schwie- gervater Ay (Eje) und der General Haremhab. In wenigen Jahren schuf Amenophis in der Wüste eine prachtvolle Stadt mit Tempeln und Villen, von Kanälen durchzogen und reich an Weinbergen und Gärten. Sie hatte ein Zentrum mit großen Verwaltungsgebäuden und eine eigene Nekropole, die in die Schichten des Tafelgebirges hinein gebaut wurde.


In dieser Umgebung, in diesem Klima begeisterter und enthusiastischer Verehrung des einzigen Gottes Aton, dessen irdische Repräsentanten Echnaton und dessen Gemahlin Nefertiti waren, verlebte Tutanchamun vermutlich seine glückliche Kindheit. Doch sollte ihm ein schweres Erbe zufallen.
Während man hier versuchte, mit einem Schlag den Lauf der Geschichte zu verändern, arbeiteten in Theben die alten Priester-und Adelsfamilien an der Demontage des kleinen Staates, den Echnaton um sich errichtete. Als er starb und ihm kurz darauf sein zeitweiliger Mitregent Semenchkare (1349/48 bis 1347/46 v. Chr.), über den Echnaton einen Versöhnungsversuch mit der thebanischen Priesterschaft unternommen hatte, in den Tod folgte, bestieg der neunjährige Prinz Tutanchaton den Thron.
Wer seine Eltern waren, weiß man nicht mit Sicherheit, aber seine soliden Verbindungen mit der königlichen Familie scheinen erwiesen, nicht zuletzt durch verschiedene Gegenstände in seinem Grab. Diese stammten von seinen Verwandten in der Königsfamilie und waren zweifellos liebevolle Andenken: das schon erwähnte kleine, mumienförmige Kästchen mit einer Locke der Königin Teje, der Mutter von Amenophis IV., ein Anhänger in der Form einer kleinen Statuette von Amenophis III., Armreifen aus Majolika mit den Namen von Amenophis IV. und seinem Mitregenten Semenchkare, eine Schreibgarnitur der Prinzessin Meritaton, der ältesten Tochter von Amenophis IV., und schließlich eine Hülle für ein Kästchen, das der Prinzessin Neferneferure gehörte, der Schwester von Meritaton.



Die Zeremonie der Inthronisation fand im Zuge einer Hinwendung zu den alten Traditionen in Theben statt. Gleich darauf jedoch kehrte der Knabe, dessen Name als Zugeständnis an die wiedererstarkende Orthodoxie in Tutanchamun ("Das lebende Bild von Amun") umgewandelt worden war, nach Achet-Aton zurück. Dort erwartete ihn Anchesenamun, die Tochter von Amenophis IV., die vor kurzem seine Gemahlin geworden war. Sie war kaum älter als er und bereits Frau des Vaters gewesen.



Aber über der neuen Hauptstadt flimmerten schon die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs. In Theben bereitete der Wesir Ay (Eje), in Memphis der General Haremhab die reibungslose Rückkehr zur überlieferten Tradition und die Versöhnung mit der noch immer mächtigen Priesterschaft des Amun vor. Im vierten Jahr der Regierung von Tutanchamun ging in kurzer Zeit der gewaltige Umzug über die Bühne des Landes. Alles, was "Der Horizont von Aton" (dies war die Bedeutung des Namens der Stadt, die Amenophis IV. gegründet hatte) an Wertvollem besaß, wurde weggeschafft, einschließlich der Holzteile, die zu den Tempeln und Wohnungen
gehörten. Nur die Monumentalgräber, die Prinzen und Adelige zu bauen begonnen hatten, blieben unvollendet zurück. Dann überzog der Sand die Bewässerungsanlagen, die eine üppige Vegetation ermöglicht hatten, und die Wüste holte sich das Land zurück, das ihr der zähe Wille eines revolutionären Herrschers für wenige Jahre entrissen hatte. Inzwischen reifte der junge Pharao unter der weisen und liebevollen Führung des Tutor-Wesirs Ayan an Erfahrung und Wissen. Wahrscheinlich war der schöne, schlanke Jüngling mit dem feinen melancholischen Gesicht, ebenso wie seine unmittelbaren Vorgänger, nicht von besonders robuster Gesundheit. Dies jedenfalls erbrachten die Untersuchungen, die man damals an seinem Leichnam durchgeführt hat. Sicher ist, daß Tutanchamun etwa mit achtzehn Jahren frühzeitig starb, und zwar nach neuen Untersuchungen an einer Hirnhautentzündung, die wahrscheinlich durch einen Unfall verursacht worden war. Seine Gemahlin hatte ihm keine Thronerben geschenkt. Es ist allerdings anzunehmen, daß die beiden früh geborenen Kinder (eines im fünften, das andere im sechsten Monat), die man mit ihm in kleinen, aber prächtigen Sarkophagen bestattet hatte, seine Söhne waren.

Mit Tutanchamun starb also die edle und ruhmreiche Familie der Thutmosis aus. Nach ihm bestieg Ay (Eje, 1337/36-1332 v. Chr.) den Thron Ägyptens, dann (vermutlich in Übereinstimmung mit vorher getroffenen Absprachen) der General Haremhab (1332-1305 v. Chr.), der als angesehener Truppen- kommandant bereits einige Jahre die Landesgrenzen gegen die Völker des Nahen Ostens verteidigt hatte. Der größte Teil seines Heeres war in Memphis stationiert, und hier hatte er sich frühzeitig eine prunkvolle Familiengruft bauen lassen. Haremhab erwählte seinerseits einen alten General aus einer im Delta ansässigen Familie zum Mitregenten und Nachfolger: Ramses I. (1305-1303 v. Chr.). Dieser wurde der Gründer eines neuen Herrscherhauses, das der 19. Dynastie, mit der ein neues Kapitel in der Geschichte Ägyptens begann. Die Zeiten hatten sich gewandelt, und Ägypten brauchte, wenn es überleben wollte, starke Männer, die sorgfältig beobachteten, was jenseits seiner östlichen Grenzen vor sich ging.


Indessen waren die verlassenen Ruinen der leeren Zuschauerränge von Achet-Aton unter riesigen Sandbergen vollständig verschwunden. Sichtbar blieben lediglich die Gräber und Stelen, die in die überhängenden Felsen gehauen und eingemeißelt worden waren, um das unter die Jurisdiktion von Gott Aton gestellte Territorium abzugrenzen. Auch die Touristen des 19. Jahrhunderts, die auf der Suche nach Antiquitäten und pharaonischen Monumenten Ägypten bereisten, zogen es zumeist vor, diese Landschaft zu meiden. Vor 1883, als eine französische archäologische Expedition damit begann, die Gräber von den Geröllmassen zu befreien und wieder zugänglich zu machen, gab es aus dieser Zone nur einige Zeichnungen der Engländer John Gardner Wilkinson und Robert Hay sowie von Nestor L'Höte und Carl Richard Lepsius. Diese Zeichnungen dokumentierten einen Stil, der, verglichen mit den bis dahin bekannten Werken des antiken Ägypten, ungewöhnlich war und sofort zum Anlaß für phantastische Theorien und Spekulationen wurde. Auch Auguste Mariette entwickelte beim Anblick des ziemlich verweichlichten Profils des Herrschers, der die Sonnenscheibe verehrte, eine eigene Theorie, die er leider auch noch verbreitete. Danach wäre der Pharao Amenophis IV. Echnaton ein kastrierter Ex-Gefangener aus Nubien gewesen.


Seit 1887 richtete sich das Interesse der Wissenschaf- tler plötzlich auf dieses Gebiet und das kleine Dorf Et- Till ad Amarna, das auf dem schmalen Streifen von fruchtbarem Land in der Nähe des Stromes lag (aus einer ungenauen Lesart dieses Namens entstand später die Bezeichnung Tell el-Amarna, die dann aus Gewohnheit von den Archäologen beibehalten wurde). Den Anstoß gab eine Bäuerin des Dorfes, die zwischen den Ruinen des sebakh nach einem salpeterhaltigen Stoff grub, der sich bei der Zersetzung von antikem Mauerwerk aus rohen Erdziegeln bildet und als Düngemittel verwendet wurde. Dabei fand sie etwa 350 Tontäfelchen, auf deren Oberfläche seltsame Zeichen eingeritzt waren. Es handelte sich um Briefe, die auf akkadisch, der damaligen Diplomatensprache, in Keilschrift geschrieben waren und bei der Evakuierung der Stadt im Staatsarchiv zurückgelassen wurden - offensichtlich weil man glaubte, sie hätten keine Bedeutung mehr. Achtlos in einen Sack verpackt, begannen die Täfelchen durch ganz Ägypten von einem Händler zum anderen zu kursieren. Dabei ging mindestens ein Drittel dieses wertvollen und aussergewöhnlichen dokumentarischen Materials verloren. Ausserdem erklärten zahlreiche Fachleute, in deren Hände sie gerieten, es müsse sich um Fälschungen ohne jede Bedeutung handeln. Erst mit einigen Jahren Verspätung begannen sich die Museen für diese Ostraka zu interessieren, die inzwischen nach London, Berlin, Kairo und Paris gelangt waren.





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