Oben: Wiens Prachtstrasse: Der Ring
Das Parlamentsgebäude

Wiens Prachtstrasse, der "Ring", entstand vor rund 130 Jahren. Ein Ensemble verschiedenartigster Monumentalbauten in allen Stilen Europas steht Parade: Parlament, Neues Rathaus, Universität, Votivkirche, Burgtheater, Neue Hofburg, Museen, Kunstakademie, Staatsoper, Denkmäler und Parks. Das Konzept besass innere Grösse: Widersprüche wurden vereint.

  
Links: Das Wiener Rathaus           Rechts: Die Universität   

Die Welt trennt sich schwer von Legenden. Aus und über Wien gibt es eine Unzahl davon. Die weitestverbreitete: Wien liegt an der Donau. Bestenfalls liegt die Donau an Wien. Und blau kann man das Wasser des Stichkanals, der das Flüsschen Wien mit der vielbesungenen Donau koppelt, auch nicht nennen. Diese Legende setzte kein anderer als Johann Strauß mit seinem Walzer "An der schönen blauen Donau" in die Welt. Strauß hat ihn ursprünglich als Chorwalzer für eine Faschingsliedertafel geschrieben; er wollte seine Wiener über die Finanzmisere eines verlorenen Krieges hinwegtrösten. Der Walzer wurde die inoffizielle Nationalhymne Österreichs.

Die Votivkirche
Der Stephansplatz

Solange solche Geschichten Touristen faszinieren, die sich an Ort und Stelle versunkene Walzerseligkeit kaufen wollen, sind sie den Wienern nur recht. So werden sie für manches entschädigt, das sie verloren haben. Erst einen Kaiser, dann ein kaiserliches und königliches Reich und zuletzt gar ein Tausendjähriges - auch wenn es hier nur sieben Jahre dauerte. Die pedantischen deutschen Nachbarn können nicht recht verstehen, dass sich's auch ohne das alles ganz nett weiterleben lässt. Sie spüren nur, wie diese Stadt versucht, auf eine schwer zu definierende Weise die Gegenwart zu überlisten - und verstehen es falsch.

Jeanette und ich am Donnerbrunnen.

Ein Hauch von Verfall und Abbruch liegt in der Luft. Viele der prächtigen barocken Adelspaläste, die noch heute das Wiener Stadtbild bestimmen, könnten besser verputzt sein, öfter gestrichen werden - von den grauen Mietskasernen der Gründerzeit ganz zu schweigen. Behördlich angeordnete Verjüngungskuren gehen in Wien nachweislich nur schleppend voran. Die Monumente seiner Tradition sind statisch. Aber es ist falsch, daraus den Schluss zu ziehen, seit dem Hinscheiden des Kaisers Franz Joseph wanke Wien unaufhaltsam dem Grabe zu. Die übliche wienerische Schlamperei, verstehen S' ? Früher schrieb man nur weniger darüber.

Downtown im abendlichen Wien.

K. u. k.-Atmosphäre wird dennoch gratis und im Überfluss geliefert. Zwar beklagen sich die Wiener, dass ihre wundervollen alten Cafes von kalten modernen Espressos verdrängt werden. Aber das Kaffeehaus bleibt neben dem Walzer die einzige Institution, die von allen widerspruchslos und ohne Raunzer anerkannt wird. Es ist sozusagen das Parlament des Volkes. Ein Wahlwiener ist hier noch immer erst dann zu Hause, wenn er sein Stammcafe hat. Eingeweiht in die Kunst des Kaffeetrinkens ist nur der, der alle Nuancen vom "Kleinen Schwarzen" bis zur "Schale Gold" zu unterscheiden versteht.

Jeanette und ich am Burgtheater in Wien

Auch Burgtheater und Oper gehören ins Reich der Legenden. Nicht nur Kritiker finden, sie hätten ihre Ruhmesvorräte endgültig aufgezehrt; besonders die Oper. Doch noch immer ist das Intrigieren mehr als das Dirigieren "Spezialität" des hundertjährigen Hauses. Die Wiener Spezialität überhaupt, behaupten prominente Wienflüchtlinge. Und von ihnen gibt es eine ganze Menge. Ein richtiger saftiger Opernskandal hat noch immer gute Chancen, die außen-und innenpolitischen Schlagzeilen von den Titelseiten der Wiener Zeitungen zu verdrängen. Und doch klingt Musik in dieser Stadt ganz anders als anderswo. Denn das empfinden nicht nur die "eingeborenen" Wiener, sondern auch Neuwiener: Wien - das bedeutet landschaftgewordene Musik, musikgewordene Landschaft.

Die Hofburg.

Aber natürlich gibt es nicht nur Legenden in Wien. Das "Belvedere" von Prinz Eugen ist immer noch das schönste aller Barockschlösser. Der Heurige gilt immer noch als Geheimwaffe zum Herzen der Wiener, als Fluchtburg aus dem eher grauen als blauen Wiener Alltag, als Ort der Einkehr, der besinnlichen Zwiesprache - aber auch der Geschäftsabschlüsse. Zithermusik im Hintergrund ist erlaubt. Grinzing, Heurigenrummel und Katzenjammer am nächsten Morgen überlassen die Wiener dagegen lieber den Touristen. Wahr ist auch, dass in Wien nicht die besten, sondern die ältesten Sänger, Tänzer, Schauspieler am herzlichsten beklatscht werden. Auch wenn sie sich noch so sehr im Text verheddern, noch so oft das hohe C verpatzen. Nicht für Leistung, als Dank für frühere schöne Stunden werden sie gefeiert.

Das Schloss Belvedere

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