Bitte manche Bilder nicht so genau nehmen. Es ist einfach unmöglich originalgetreue
Bilder aus jener Zeit sowohl in Bildbänden als auch im Web zu finden.
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Tibalts Burg in Valencia
Tibalt steuerte nach erfolgtem Rückzug gen Valencia, wo sein stolzes Schloß am rauschenden Guadalaviar stand. Dort, in dem schönen Land, wo der Granatbaum blüht und die Goldfrucht reift und die Rebe köstlichen Trank spendet, schmachtete der Gefangene, mit schweren Ketten belastet, im finsteren Kerker. Der Emir, der zu neuen Raubzügen sich rüstete, empfahl den Helden seiner Gattin Arabella zur Bewachung. Er übergab ihr den Schlüssel zum Gefängnis, gebot ihr, dem Ungläubigen nur Wasser und Brot zu reichen und niemals seine Fesseln zu lösen; denn er hoffte, ihn, der ein angesehener und gewaltiger Krieger unter den Christen war, durch das Versprechen der Freiheit für die Lehre des Propheten zu gewinnen. Er schied, und Arabella befolgte geraume Zeit den Befehl. Eines Tages aber wandelte sie die Lust an, den Christen von Angesicht zu sehen.
Begleitet von bewaffneten Knechten trat sie in das Verlies. Sie brachte die gewöhnliche Kost, doch mit Zutat einiger schmackhaften Erfrischungen. Er richtete sich beim Anblick der schönen Frau vom feuchten Strohlager auf, und wie sie beim Scheine der Fackeln seine hohe Gestalt, seine edlen, von Kerkerluft gebleichten Gesichtszüge erblickte, fühlte sie herzliches Erbarmen mit dem Unglücklichen. "Möchtest du nur deinem falschen Glauben entsagen, so würdest du alsbald die frische Luft der Freiheit atmen", so sprach sie sanft und entfernte sich mit den Dienern. Die Schlüssel knarrten im rostigen Schloß, und der Held war wieder allein in der Finsternis. Indessen stand die liebliche Erscheinung noch immer vor seinen Augen. War es ein Betrug der Hölle, gesandt, ihn von Christus abzuwenden? Aber das Weib erschien so mild und sanft, so licht und klar wie ein Engel Gottes - ein solches Bild konnte die Hölle nicht schaffen, und die Erfrischungen zu seiner Labung überzeugten ihn, daß ein menschliches Wesen mit ihm Barmherzigkeit habe. (Bild oben)
Auch Arabella (Bild oben) konnte den gefangenen Helden nicht vergessen. Sie wußte ihm oft bessere Kost zuzustellen, ohne daß es die Argusaugen des Kerkermeisters gewahr wurden. Unter einem Vorwand entfernte sie den Mann von seinem Posten und bestellte statt seiner einen vertrauten Diener als Wächter. Nun konnte sie es wagen, den Unglücklichen von seinen Ketten zu befreien und ihn bisweilen sogar frische Luft genießen zu lassen. Einstmals, als er auf einer abgelegenen Terrasse sich erging, begegnete sie ihm, wie zufällig. Es entspann sich ein Gespräch; sie wiederholte ihren Antrag, daß er frei werden solle, wenn er den Glauben des Propheten annehme. Er wies die Bedingung nicht mit rauher Rede zurück, er meinte nur, er müsse durch Gründe belehrt werden. Das dünkte der verständigen Frau nicht schwer. Sie ließ ihn in ein abgelegenes Gemach geleiten und hatte dort in Gegenwart ihrer Zofe mit ihm ein langes Gespräch. Sie legte ihm die Lehren des Korans aus, redete von den Siegen der Gläubigen, von den Freuden des Paradieses; er aber sprach von dem lieben Vater im Himmel, der nicht den Tod des Sünders wolle, sondern seine Bekehrung, von dem Heiland der Welt, der mit dem Wort der Liebe, nicht mit dem Schwert sein Reich aufgerichtet und durch seinen blutigen Tod und seine Aufer-
stehung unerschütterlich begründet habe. Seine Worte fielen wie Gold in die Seele der edlen Frau, und wie er sie für die Wahrheit gewann, so gewann er auch ihre Neigung, und ihr Besitz erschien auch ihm als das höchste Gut der Erde. Bald waren beide in herzlicher Liebe verbunden und zur Flucht entschlossen.
Ein Schiff wurde gemietet, das sie nach der Küste des Frankenreiches führen sollte. Als aber der Kapitän von dem Reiseziel Kunde erhielt, verweigerte er die Fahrt und ließ den Steuermann zurück nach Valencia lenken. Wilhelm schleuderte ihn über Bord und bedrohte das Schiffsvolk mit gezücktem Schwert; denn Arabella hatte den Verlobten wohl gerü-
stet, bevor sie die gefährliche Fahrt antraten.
Indessen kehrte Tibalt um dieselbe Zeit von seinem Raubzuge zurück und vernahm von dem Kapitän, der sich schwimmend ans Ufer gerettet hatte, die Märe, daß sein Weib mit dem gefangenen Franken entwichen sei. Er ging sogleich wieder in See, die Flüchtlinge zu verfolgen. An Bord eines Schnellseglers bekam er sie bald in Sicht, und kaum erreichten sie noch ein festes Kastell an der fränkischen Küste, so schwirrten auch schon die Ge-
schosse der Sarazenen um ihre Häupter. Doch schlüpften sie noch durch die Pforte, die sich alsbald hinter ihnen schloß. Der Held und seine Gefährtin wurden jubelnd von der Besatzung begrüßt. Er, der die Feste erbaut hatte, dessen Name bei allen Strandbewohnern hoch in Ehren stand, fand jetzt in diesen Mauern Schutz. Zwar unternahm Tibalt wütende Stürme, allein seine Mannschaft holte sich nur blutige Köpfe und mußte nach einigen Tagen, da ein zahlreicher Heerhaufen wider sie anrückte, die Schiffe besteigen, um sich vor einer Niederlage in Sicherheit zu bringen. (Bild oben)
"Der gute Graf Wilhelm ist zurückgekehrt, der Schirmherr des Landes ist der Gefangenschaft ledig", diese und andere Reden gingen von Mund zu Mund und gelangten auch an den königlichen Hof. Ludwig lud sogleich den Schwager zu sich ein, bewillkommte ihn und die schöne Arabella herzlich; desgleichen tat auch seine Gemahlin, die so lange um den Bruder in Sorgen gewesen war. "Ein stattliches Paar", flüsterten die Hofleute einander zu. "Seht nur - eine Araberin und doch schön! Schöner als alle Edelfrauen am Hofe, die Königin nicht ausgenommen." Diese und ähnliche Reden wurden der Herrin wieder zugetragen, und von Stund an war sie kalt gegen den Bruder und ihre zukünftige Schwägerin. Gleichzeitig mit dem Schirmvogt war auch Papst Leo, den das widerspenstige Volk aus Rom vertrieben hatte, hilfesuchend am Hofe angekommen. Derselbe beschied den Grafen und seine Verlobte nach Avignon, wo die Taufe der edlen Frau und darauf die Vermählung gefeiert werden sollte. Der König selbst mit zahlreichem Gefolge begleitete das glückliche Paar nach dieser dem Papst gehörigen Stadt; die Königin jedoch entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Dagegen umarmte zu Avignon Graf Heinrich den ruhmvollen Sohn, und auch die sechs Brüder Wilhelms erschienen und bezeigten ihm und seiner Retterin ihre herzliche Teilnahme und ungeschwächte Liebe. König Ludwig beschloß das dreitägige Fest damit, daß er dem Schirmherrn des Strandes Burg und Stadt Orange zu erblichen Lehen übertrug. In der Taufe Arabellas, die der Vermählung vorausging, empfing die schöne Frau den Namen Gyburg, nach einer Ahnin des gräflichen Hauses.
"Nach diesen frohen Tagen beschloß der Monarch, mit Heeresmacht den Papst in die Weltstadt zurückzuführen und das unruhige Römervolk zu züchtigen; sein treuer Schirmvogt sollte der Führer des Reichsheeres sein. Demzufolge mußten sich die Neuvermählten trennen: Arabella ging nach Orange, um die Huldigungen entgegenzunehmen, Wilhelm trat an die Spitze der Heerfahrt, in deren Mitte der König und sein Schützling, der Papst, sich befanden. Alle Städte öffneten ihre Tore - nur die Römer, trotzend auf ihren längstvergangenen Ruhm, suchten ihre halbverfallenen Mauern zu verteidigen. Sie schlugen einen Sturm ab, aber ein zweiter gelang, und Wilhelm war der erste, der in die Stadt eindrang und in wütendem dem Straßenkampf unwiderstehlich vorwärts schritt. Während die Bürger Straße für Straße verteidigten, wälzten andere schwere Steine von Dächern und Zinnen auf die Franken, und ein solcher stürzte krachend auf den Helm des kühnen Führers und streckte ihn zu Boden. Die Krieger trugen ihren geliebten Helden aus dem Getümmel und übergaben ihn sorgsamer Pflege.
Die Stadt wurde erobert, mit Brand und Plünderung übel heimgesucht: die entmutigten Römer unterwarfen sich ihrem geistlichen Hirten, der sofort den Beherrscher des Frankenreiches zum Kaiser krönte. Nach dieser Festlichkeit besuchte Ludwig seinen verwundeten Schwager jeden Tag und freute sich, als derselbe genas und nach einigen Wochen wieder am Hofe erscheinen konnte. Die Heerfahrt war rühmlich zu Ende gekommen; die Krieger kehrten über die Alpen zurück, Wilhelm zu seiner Gattin nach Orange. Er waltete wieder seines Amtes, und die Strandbewohner waren unter seiner Obhut vor Raubfahrern sicher. Er nahm, da er keine Kinder hatte, den Sohn einer seiner Schwestern, die früh starb, zu sich und hatte große Wonne an dem Knaben Vivian (oder Vivianz), der unter seiner und Arabellas Pflege zum kühnen Jüngling heranwuchs. Im Turnieren tat es der edle Pflegling allen seinen Altersgenossen zuvor, und er brannte vor Begierde, seine Waffen gegen die Verächter des Kreuzes zu versuchen. (Bild unten)
Der junge Vivian sollte bald Gelegenheit finden, seinen Mut und seine Kraft, wie er es wünschte, auf blutiger Walstatt zu beweisen. Mohrische Wimpel und Flaggen tauchten aus den Fluten des Meeres auf, eine unabsehbare Flotte war im Anzug, ankerte an der Küste und setzte ein Heer von Sarazenen an Land, so zahlreich, als gelte die Heerfahrt dem gesamten Frankenreich. Ganz Aquitanien war von den wilden Horden überschwemmt und ausgeraubt worden, ohne daß königliche Hilfe kam. Indessen hatte der Held von Orange die Küstenmannschaft gesammelt, indem er Einzelkämpfe vermied und sich vorsichtig zurückzog. Sobald er jedoch die zu Gebote stehende Macht gegen zwanzigtausend Mann vereinigt hatte, beschloß er, zur entscheidenden Schlacht vorzurücken. Er nahm zu Orange Abschied von der Gattin. "Geliebter Freund", sprach sie unter Tränen. "Ich habe die feindlichen Banner wohl erkannt, es ist mein Vater Terramer und mein erster Gatte Tibalt, die das ganze Morgenland aufgeboten haben, mich in ihre Gewalt zu bringen. Oh, bei den Verehrern des blutdürstigen Propheten kennt man die Liebe nicht, da opfern Vater und Mutter ihre Kinder, Brüder die Brüder ohne Barmherzigkeit, wenn die Begierde nach Rache im Busen brennt. Sie werden dich und mich ohne Schonung erwürgen, sofern wir in ihre Gewalt geraten." - "Sei getrost, gutes Weib", sprach der Held. "Das werden unsere scharfen Schwerter verhüten." - Er wollte forteilen; allein da stand der blühende Vivian in voller Rüstung vor ihm und begehrte, ihm zu folgen. Vergebens stellte er ihm vor, wie er, kaum dem Knabenalter entwachsen, noch nicht die Kraft habe, in der mörderischen Feldschlacht gegen die übermächtigen Horden zu streiten, vergebens beschwur ihn die Pflegemutter, sich für die Zukunft zu sparen und nicht jetzt die sicheren Mauern zu verlassen: er beharrte auf seinem Begehren und folgte dem Grafen. (Bilder unten)
Auf der Ebene von Alischanz (Alicon) trafen sich die Heere. "Machmet! Machmet!" scholl das Feldgeschrei von der einen Seite, "Montjoie! St. Denis!" von der anderen. Wild umschwärmten Sarazenen auf flüchtigen Rossen das Christenheer und schleuderten ihre Speere in die geschlos-
senen Massen, während das Hauptheer im Nahgefecht einzubrechen und durch die große Menge die Franken zu überflügeln suchte. Indessen waren sie zum größten Teil ohne Helm und Harnisch, ihre Turbane und leichten Schilde konnten jedoch nur geringen Schutz gegen die Schwerter der Christen gewähren. Dagegen ersetzte die Menge, was an Wehr und Rüstung abging, und der Kampf wogte unentschieden hin und her. Endlich brach der kühne Graf mit auserlesener Mannschaft auf der linken, Vivian auf der rechten Seite in die Reihen der Sarazenen ein, Anführer und geringes Volk wurden niedergestreckt. Alles wich dem stürmischen Andrang. Dagegen wurden die Helden von beiden Seiten angegriffen, und Halzebier, ein riesenhafter Emir, fällte den mutigen Jüngling mit einem Keulenschlag. Seine Mannen rächten den Fall ihres Führers. Der Riese und sein Gefolge sanken unter ihren Schwertern, und sie stürmten, den Jüngling für tot haltend, weiter, den flüchtigen Mohren nach.
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