Bitte manche Bilder nicht so genau nehmen. Es ist einfach unmöglich originalgetreue
Bilder aus jener Zeit sowohl in Bildbänden als auch im Web zu finden.
Danke für Euer Verständnis.
    
Zu der Zeit, da Kaiser Karl über das weite Frankenreich herrschte, lebte Graf Heinrich von Narbonne, ein frommer und tapferer Held. Er war wegen seiner Kriegstaten gegen die heidnischen Sachsen sehr angesehen am Hofe, hatte zu seinen väterlichen Gütern noch manches Lehen erhalten und wohnte nun friedlich auf seinem freiherrlichen Schlosse, wo er sich mit seiner Ehefrau der Erziehung seiner sieben Söhne und mehrerer Töchter mit Sorgfalt annahm. Unter der elterlichen Pflege wuchsen die Kinder frisch und fröhlich heran, die Knaben, dem Vater gleich, zu kühnen und dabei frommen Jünglingen, die Mädchen zu blühenden Jungfrauen, wie einst die Mutter gewesen war. Als nun die Söhne erwachsen waren, so daß sie ein Erbteil fordern konnten, berief sie der Graf zu sich. "Kinder", sprach er. "Einst hing ich von Streit und Wunden erschöpft im mörderischen Gefecht. Grimmige Feinde rückten heran, und nur ein treuer Dienstmann war zu meinem Schutz bereit, da die anderen Kriegsleute ihren Bannerherrn verlassen hatten. Er kämpfte mit großer Kühnheit, bis Hilfe kam, da sank er blutend neben mir in die Blumen der Heide. Wir wurden beide der Pflege befreundeter Leute übergeben; ich genas, er aber neigte sein Haupt zum Sterben. Der kühne Held scheute nicht den Tod, aber ihn härmte das Schicksal seines unmündigen Söhnchens, das er als Waise zurücklassen sollte, da auch seine Gattin schon früher gestorben war. Ich tröstete den sterbenden Retter meines Lebens, indem ich ihm gelobte, des Knaben zu pflegen, als ob er mein eignes Kind sei, und ihm, wenn er wohl gedeihe, einstmals alle meine Güter zu hinterlassen. Er soll mein Erbe sein, sprach ich, ob ich auch noch eigene Kinder erziele. Er ist nun ein weidlicher Recke geworden, und ich darf ihn mit Stolz meinen Zögling nennen, wie ich mit Zufriedenheit auf meine eigenen Söhne blicke. Wollt ihr nun, daß ich erfülle, was ich dem treuesten Manne gelobt, der für mich den Tod erlitten hat, oder begehrt ihr euer väterliches Gut?" Da antwortete Wilhelm, einer der Söhne, für die anderen, sie wollten lieber als Bettler in die weite Welt gehen, als daß der gute Vater sein Gelübde breche. "Nicht als Bettler", rief Irmschart, die Gattin des Grafen, die aus dem anstoßenden Gemache eintrat. "Was ich dem Gemahl zugebracht habe, gehört euch. Euer Vater hat euch bereits große Güter übergeben, nämlich seinen frommen Sinn, seine Treue gegen Gott und Menschen, seinen kühnen Mut und ritterlichen Anstand.
Die jungen Recken befolgten den väterlichen Rat. Sie wurden als Söhne des edlen Grafen von Narbonne wohl empfangen und zeichneten sich bald sowohl durch feine und würdige Sitten als auch durch Kraft und Gewandtheit im Waffendienst aus. Sie fochten gegen die Sarazenen, als diese unter dem mächtigen Eigoland in die Gascogne eingefallen waren, und gegen den treulosen Marsilio nach dem Untergange der Helden im Tale Ronceval. Besonders Wilhelm erlangte durch seine tapferen Taten große Berühmtheit.
Nach der Rückkehr mit dem siegreichen Heere erhielten die Brüder von dem großen Kaiser den Ritterschlag und ansehnliche Lehen. Wilhelm insbeson-
dere erfreute sich der Gunst des Herrn: Er wurde Befehlshaber über die ganze Südküste des Reiches, und in dieser Stellung bewies er ungewöhn-
liche Einsicht und Tüchtigkeit. Überall, wo die Raubflotten der Sarazenen zu landen versuchten, war er mit seinen reisigen Scharen gegenwärtig, schlug ihre Angriffe zurück und eroberte ihre Schiffe. Er war in Wahrheit der Schirmherr des Landes und stand bei den Strandbewohnern in hohen Ehren. Nach dem Tode Karls des Großen bestieg dessen Sohn Ludwig den Thron.
Derselbe bereiste sein Reich und kam auch auf das Schloß, wo Graf Wilhelm mit seiner jüngsten Schwester in der stürmischen Winterzeit wohnte. Die schöne Jungfrau gewann das Herz des jungen Herrschers, so daß er sie zu seiner Gemahlin erhob. (Bild oben) Durch diese Verschwägerung mit dem königlichen Hause gewann der Graf an Einfluß. Er nutzte diesen Zuwachs von Macht dazu, die Küsten durch Kastelle zu schützen und eine größere Zahl reisiger Söldner anzuwerben.
Unter dem Schutze zweckmäßiger Vorkehrungen lebten die friedlichen Ackerleute und Winzer ohne Sorgen vor Raubüberfällen. Endlich aber erschien eine gewaltige Macht zu Wasser und zu Lande, der der Schirmherr mit seinem Kriegsvolk nicht gewachsen war. Dörfer und Burgen gingen in Flammen auf, denn die mächtigen Emire Terreman und Bali- kan, beide erst aus Arabien herübergeschifft und wilden Sinnes wie die Söhne der Wüste, kannten keine Schonung. Auf den Hilferuf seines Schirmvogts erhob sich König Ludwig und rückte mit dem Heerbann des Reiches gegen den Feind. Wilhelm stieß mit seinem Kriegsvolk zu dem königlichen Heere, das bald mit den Sarazenen zusammentraf. (Bild oben) Die Schlacht wütete den ganzen Tag, aber gegen Abend mußten die Ungläubigen weichen. Da erkannte der kühne Graf den trotzigen Emir Balikan, den wildesten Verheerer des Landes, wie dieser seine Heiden wieder zu ordnen suchte, Die Menge nicht achtend, schlug er Reiter und Rosse mit furchtbaren Streichen nieder, verfolgte den flüchtigen Emir und spaltete ihm den Schild; aber sein Hengst, von einem Geschoß getroffen, bäumte sich hoch auf und stürzte dann unter ihm zusammen. Ehe er sich aufrichten konnte, warf sich ein Schwarm von Sarazenen über ihn her und schwang mordbegierig die Säbel, jedoch der Emir Tibalt eilte herzu und forderte den gefangenen Krieger für sich, um ihn gegen einen nahen Anverwandten auszuwechseln. Balikan genehmigte die Bitte des angesehenen Emirs, und der Held wurde auf dessen Schiff gebracht und nach Spanien geführt.
Zurück zur Dietrich-Sage  weiter zum zweiten Teil