Goodbye England’s Rose.      
Prinzessin Diana "Königin der Herzen"

Ob jemals ganz verstanden wird, was in den Tagen nach dem 31. August 1997 in Großbritannien und auf der ganzen Welt geschah, ist fraglich. Unzählige Experten haben versucht, das Phänomen Diana zu erklären. Eine Art Massenhysterie ergriff Millionen Menschen, die die Prinzessin niemals je selber gesehen hatten. Politiker der allerhöchsten Reihen drückten ihre Trauer aus. Die britische Monarchie geriet ins Wanken - doch anders als erwartet fiel sie nach dem Tod Dianas nicht. Heute scheint sie eher stärker als zuvor. (Nun ja, wenn man aus den Untersuchungen drei Viertel streicht und die wahren Hintergründe verschweigt, dann muss das eben so hingenommen werden).

Ein Blumenmeer ausserhalb des Kensington Palasts

London, 4. September - Der Leichnam von Prinzessin Diana, der im Londoner Saint-James- Palast aufgebahrt ist, soll am Freitag abend in ihren ehemaligen Wohnsitz Kensington-Palast gebracht werden. Von dort wird der Sarg am Samstag zur rund sechs Kilometer entfernten Abtei Westminster geleitet. Ursprünglich sollte der Trauerzug vom Saint-James-Palast, dem Wohnsitz von Dianas Ex-Ehemann Prinz Charles, ausgehen. Weil zu den Feierlichkeiten inzwischen rund zwei Millionen Menschen erwartet werden, entschloß sich der Buckingham-Palast zu der neuen Wegstrecke, da sich die Route dadurch verdreifacht. Der Trauerzug wird den Kensington-Palast um etwa 11.00 Uhr MESZ verlassen, der Gottesdienst in der Abtei Westminster ist eine Stunde später angesetzt. Dianas Sarg wird auf einer Lafette von Reitern der königlichen Truppen gezogen, die von berittener Polizei eskortiert werden. Die Teilnehmer des Trauerzuges sollen sich wie ursprünglich geplant erst auf der "Mall" der Prozession anschließen, die rund drei Kilometer vom Kensington-Palast entfernt ist. Auf seinem Weg zur Abtei zieht Dianas Sarg an einigen der berühmtesten Londoner Sehenswürdigkeiten vorbei:

Die Queen verlässt im schwarzen Rolls-Royce den Buckingham-Palast.
Majestät und ihr Prinzgemahl sehen das Blumenmeer vor ihrem Palast.
Majestät verlassen endlich den Buckhingham Palast.
Langsam passiert der Leichenwagen das Blumenmeer
am Buckhingham Palast.

Die Königin verlässt im schwarzen Rolls-Royce den Buckingham-Palast. Es geschieht, worauf ganz England sieben Tage gewartet hat: Die Flagge des Vereinten Königreichs -der Union Jack - wird auf Halbmast gezogen. In diesem Moment klatschen Zehntausende Beifall. Über Tage war der Groll der Untertanen Ihrer Majestät gewachsen. Das Volk hatte das Schweigen der Königin bis zum Vortag nicht verstanden. Nach und nach treffen in der ehrwürdigen Krönungskirche die geladenen Trauergäste ein, unter anderem Hillary Clinton, Henry Kissinger, Margaret Thatcher, Edward Heath, James Callaghan, Imran Khan, Jemima Goldsmith, Karl Lagerfeld, Sting, Donatella und Santo Versace, Chris de Burgh, George Michael, Cliff Richard, Tom Cruise, Steven Spielberg, Tom Hanks. Deutschland wird vertreten durch den Botschafter Gerhard von Moltke. Da es kein offizielles Staatsbegräbnis ist, fehlen die Staatsoberhäupter. ln einem schwarzen Anzug schreitet auch Dodi AI Fayeds Vater Mohamed mit seiner jungen finnischen zweiten Ehefrau in die Kirche. Luciano Pavarotti lässt sich von zwei Damen stützen. Eine von Ihnen ist seine 23jährige Freundin Nicoletta. Man hatte ihn gefragt, ob er zu Ehren Dianas singen wolle. Aber Pavarotti hatte abgelehnt, weil er es sich selbst nicht zutrauen würde. Zu tief sei sein Schmerz.

Sechs Kilometer lange Wegstrecke

Kurz nach 10 Uhr verlässt der Trauerzug den Kensington-Palast, Dianas letzten Wohnsitz. Von nun an schlägt die Totenglocke jede volle Minute bis zur Ankunft in Westminster Abbey. Der Sarg der Prinzessin ruht auf einer Lafette aus dem Jahre 1904 der Königlichen Reiterartillerie. Sechs Rappen sind angespannt worden, um sie auf ihrem letzten Weg durch London zu begleiten. Die blau-rot-goldene Königs-Standarte umhüllt ihren Sarg. Drei weiße Blumengestecke schmücken ihn. Das erste ist ein kleines, rundes Gesteck aus kleinen weißen Rosen. ln dem Gesteck ein Brief von Harry. Man kann das handgeschriebene Wort "Mumm" lesen. Still schreiten die beiden Söhne William und Harry, Prince Charles, Prince Phillip und Dianas Bruder Earl Spencer hinter dem Sarg her. Den männlichen Royals folgen 533 Vertreter von 106 karitativen Einrichtungen, die mit der Prinzessin zusammengearbeitet haben. Sie gehen zum Teil an Krücken. Fahren in Rollstühlen. Viele von ihnen tragen Schärpen und Abzeichen ihrer Organisationen. Immer wieder hört man "Diana, Diana" Rufe. Immer wieder fliegen Blumen unter die Hufen der Rappen. Man sieht Papp-Plakate mit "Diana, we love you", "Goodbye, Diana". Fahnen aller Nationen säumen den Wegesrand.

Auf seinem Weg zur Abtei zieht Dianas Sarg
an einigen der berühmtesten Londoner Sehenswürdigkeiten vorbei:

Über die Straße High Street Kensington zieht die Lafette am Prince Albert Memorial vorbei, dem Denkmal für Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha. Schräg gegenüber des Denkmals liegt die Royal Albert Hall, in der in jedem Jahr die berühmten "Proms"-Musikkonzerte stattfinden. Von dort geht es am südlichen Rand des Hyde Park zur Hyde Park Corner, einem der belebtesten Verkehrsknotenpunkte Londons. Vom Hyde Park zieht der Sarg über The Mall zur Horse Guards Parade auf White Hall, der Prachtstraße, entlang derer die Regierungsgebäude liegen. Von dort ist es nur noch ein kleines Stück bis zum Parliament Square und der Westminster Abbey, die im Schatten von Big Ben und dem britischen Parlament liegt.

Eintreffen des Leichenwagens vor der Westminster Abbey.
Dianas Leichnam wird in die Westminster Abbey getragen.
An der Seite steht die königliche Familie - ausser Königin Elisabeth.
Die Trauerzeremonie

Die Trauergemeinde von 1900 Menschen füllt die Westminster Abbey bis auf den letzten Platz. Zehn Minuten zuvor ist Königin Elizabeth II. eingetroffen. Nach Absingen der Nationalhymne "God Save the Queen" richten sich alle Augen auf das Kirchenportal. Acht walisische Gardesoldaten tragen den Eichensarg auf ihren Schultern in die Basilika. Vor dem Altar setzen sie ihn ab. Vier große Kerzen umrahmen ihn. Die Königin und ihr Gemahl Philip legen ein kleines weißes Blumengebinde nieder. Prinz Charles und seine beiden Söhne treten vor. Auch sie legen ein kleines Gesteck nieder. Prinz Charles bekreuzigt sich anschließend. Der Trauergottesdienst beginnt. Lady Dianas Familie hat seinen Ablauf in ihrem Sinne geregelt. Er beinhaltet eine Mischung aus traditioneller Zeremonie und einem ganz persönlichen Abschied. Die beiden Schwestern der Toten ergreifen das Wort. Als erste Lady Sarah, die aus einem Gedicht zitiert: "Sollte ich sterben und dich für eine Weile zurücklassen, sei nicht wie andere, verbittert, niedergeschlagen. Die im stillen Nebel lange wachen und Tränen vergießen. Geh ins Leben zurück und lächle für mich. Stärke dein Herz und deine zitternde Hand, um etwa zu tun, das andere Herzen als deines tröstet. Vollende meine unvollendeten Aufgaben, die mir so wichtig waren, und ich werde dir darin vielleicht Trost geben". Danach spricht Lady Jane Sie verliest folgende Verse: "Die Zeit verstreicht zu langsam für diejenigen , die warten, zu geschwind für diejenigen, die sich fürchten, sie ist zu lang für diejenigen, die sich freuen, aber für diejenigen, die sie lieben, ist sie ewig". Danach wird aus Verdis Requiem gesungen. Premierminister Tony Blair liest sichtlich bewegt aus dem 1. Korintherbrief, das 13. Kapitel, wobei er das in englischen Bibeln verwendete Wort "charity" durch "love" ersetzt: "Wenn ich mit Menschen und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle".

Danach spricht ergreifend Dianas Bruder Charles. Immer wieder kämpft auch er mit den Tränen. Seine selbst verfasste Rede hat der junge Graf Spencer vorher nicht der königlichen Familie vorgelegt. Er wollte verhindern, dass in seinem Text gestrichen wurde. Mit außergewöhnlichen und sehr persönlichen Worten würdigt er seine tote Schwester. Seine Rede beinhaltet aber auch kaum verhohlene Kritik am englischen Königshaus. Diana war ein Mensch von natürlichem Adel, klassenlos, und jemand, der im letzten Jahr bewies, dass man keinen königlichen Titel braucht, um einen besonderen Zauber zu behalten. Und er verspricht die beiden Prinzen vor der Kälte des Königshauses zu schützen, damit ihre Seelen nicht einfach in Pflicht und Tradition untergehen, sondern frei singen können. Die Trauergemeinde spendet spontan Beifall - Etikette hin oder her. ln diesem Moment zählt nur das Gefühl der einzelnen. Zum ersten Mal, seitdem das ursprünglich normannische Kirchenschiff im Jahr 1065 eingesegnet wurde, gibt es Applaus in dem Gotteshaus Westminster Abbey. Und draußen, auf den Straßen Londons, im Hyde Park, wo Hunderttausende die Trauerfeier über riesige Bildschirme verfolgen, jubelt man wie bei einem Rockkonzert. Erzbischof George Carey spricht zur Trauergemeinde. Er würdigt Dianas Engagement für Aidskranke, Minenopfer und ganz normale Menschen. Er ist der einzige, der in diesem Moment auch Dianas Freund Dodi AI-Fayed, den toten Fahrer und den schwerverletzten Leibwächter erwähnt.

Ein Höhepunkt der Trauerfeier: Dianas persönlicher Freund Elton John begibt sich an ein Klavier und stimmt seinen Song "Candle in the wind" an. Zum Abschied für Lady Diana hat er es umgetextet in "Goodbye. Englands Rose:" Als er ihn singt, weinen auch die Prinzen William und Harry. Um 13 Uhr ist der Gottesdienst zu Ende. Diana tritt ihren letzten Weg an.

Der Gottesdienst ist zu Ende. Die acht Gardisten tragen den Sarg hinaus. Es folgt eine Schweigeminute. Diana tritt ihren letzten Weg an. Die Soldaten schieben den Sarg in einem schwarzen Leichenwagen. 123 Kilometer nördlich von London, in Althorp, soll sie auf dem Familienanwesen der Spencers beerdigt werden. Die Limousine rollt langsam durch London. Überall am Straßenrand stehen Menschen, die sich von Diana verabschieden wollen. Sie werfen Blumen aufs Dach, auf die Kühlerhaube, an die Stoßstange. Manchmal muss der Fahrer den Scheibenwischer betätigen, um noch schauen zu können. Der Wagen nimmt seinen Weg über die Autobahn. Flankiert von Polizisten auf Motorrädern. Auf der Gegenfahrbahn bleiben die Autos stehen. Die Menschen steigen aus und winken Diana ein letztes Mal zu.

Diana tritt ihren letzten Weg an.

Eigentlich sollte Diana in der Familiengruft der Spencers ihre letzte Ruhe finden, in der Dorfkirche St. Mary the Virgin. Der 400-Seelen-Ort Great Brington hat nur eine Poststation, einen Pub und einen Krämerladen. Jeder kennt hier jeden. Um zu verhindern, dass das kleine Dorf ein Wallfahrtsort wird, bestimmte die Familie Spencer eine kleine baumbestandene Insel im Schlossteich zu Dianas letzter Ruhestätte. Das riesige, 240 Hektar große Anwesen Althorp wird geschützt durch eine zwei Meter hohe rostbraune Steinmauer. So wird Dianas Söhnen William und Harry die Möglichkeit gegeben, das Grab ihrer Mutter zu besuchen.

Dianas letzte Ruhestätte
Sie wäre die wahre und echte Königin Englands geworden.
Wie groß wird in den Geschichtsbüchern beim Rückblick darauf wohl das Kapitel "Diana" sein?