Eine Reise durchs Erdogan Land, ähm, die

Hier passiere ich die Grenze von Griechenland in die Türkei. Die zwei freundlichen Grenzer ließen mich sogar ein Foto an der Grenze machen.

Vor einigen Jahren lernte ich durch Zufall in meiner Stadt eine junge, sagenhaft hübsche, heute ungefähr 35 Jahre junge, selbstbewusste, sehr westlich orientierte und auch westlich gekleidete, perfekt deutsch sprechende Türkin kennen, die mit dem Islam überhaupt nichts am Hut hatte. Als ich so durch die Stadt bummelte und den Gehsteig entlang lief und sie sich gerade beim Weiterlaufen umdrehte, stieß sie mit mir zusammen. Ich entschuldigte mich sofort. Sie aber ebenfalls wobei wir beide lachten, gleichwohl es ihr nicht zum Lachen zumute war, wie ich später erfuhr. Sie fragte mich damals nach dem Weg zu einer gewissen Straße. Ich bot mich an, sie ihr zu zeigen da ich gerade in der Nähe war, wobei ich im Gespräch erfuhr, dass sie gerade mit ihrem Studium in Deutschland fertig geworden war.

Das Leben geht manchmal seltsame Wege:

Weiß der Sonstwer, wie es kam, aber wir wurden auf Anhieb sehr gute Freunde, obgleich ich um einiges älter war als sie. Trotzdem musste ich ihr sehr symphatisch gewesen sein. Aber mit keiner Miene verriet sie, dass sie sich bereits hier schon in mich verliebt hatte. Das solls ja geben, (also Liebe auf den ersten Blick), was wieder einmal beweist, dass das Alter überhaupt keine Rolle spielt. Ich merkte es aber. Vielleicht sah ich auch ihrem Vater, welchen sie sehr vergötterte und liebte sehr ähnlich. Warum sie wieder in die Türkei zurück kehren wollte, war ein trauriger Anlass: Ihre Eltern kamen bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Sie wollte den letzten Wunsch ihrer Eltern erfüllen, die ihr alle Freiheiten ließen, (auch in punkto Religion), selbst aber dem Islam verbunden blieben um sie nach islamischer Sitte beerdigen zu lassen. Und da sie die Firma ihrer Eltern und deren Villa, samt dem Vermögen geerbt hatte (ihr Vater war ein reicher türkischer Unternehmer in Sachen Klimatechnik gewesen), kehrte sie in ihre Heimat zurück. Weitere Verwandte hatte sie keine. Also nicht dass sie wüßte. (Ein Trugschluss, wie sich nach ein paar Jahren herausstellen sollte). Aber wir wollen den Dingen nicht vorgreifen...

Natürlich wusste ich dass sie in Eskisehir wohnte. Und auch ihre Adresse war mir bekannt, da wir immer in telefonischem Kontakt blieben, wobei ich auch erfuhr, dass sie immer noch nicht veheiratet war. Auf meine Frage, weshalb sie noch immer nicht verheiratet sei, antwortete sie, dass sie noch auf ihren Traumprinz warten würde...(Den wahren Grund sollte ich später erfahren). Ihr Name war Nezmir. Nachdem nunim Jahre 2015 über eine Million Syrer aus der Türkei übers Mittelmeer - genauer über die Ägäis - nach Griechenland und von dort über die Balkanroute in die Bundesrepublik Deutschland geflohen sind und es daraufhin Verhandlungen mit Brüssel und der Türkei wegen eines Beitritts zur EU gab, andererseits die Türkei aber die Menschenrechte missachtet und anderes mehr, (was mir schon durch die Medien bekannt war), beschloss ich, Nezmir zu besuchen und eine Reise mit ihr durch die Türkei mit dem Auto zu machen. Natürlich in Absprache mit ihr, und selbstverständlich wollte ich alle Kosten tragen.

Doch das lehnte sie ab, da sie selbst über ein beachtliches Vermögen verfügte. Ich merkte ein leichtes Vibrieren in ihrer Stimme, quasi große Freude, als ich sie anrief. Es sprudelte grade so aus ihr heraus, dass sie sich sehr freuen würde mich nach so langer Zeit wieder zu sehen und mit mir durch ihr Heimatland zu fahren, da sie diese Reise nie alleine unternommen hätte. Aber ich brauchte sie dringend - schon alleine der Sprache wegen. Doch zunächst musste ich ja alleine fahren, denn sie wohnte ja längst wieder in ihrer Heimat. Aus vielen Berichten und Reiseprospekten und auch aus dem Geschichtsunterricht über das Osmanische Reich wusste ich, dass die Türkei ein wunderschönes Land ist, welches es nun galt einmal von der griechischen Grenze nach Edirne, über Istanbul und Ankara bis an die iranische Grenze zu durchreisen. Da ich der türkischen Sprache nur mäßig mächtig war, war ich natürlich auf meine Bekannte angewiesen, die gottseidank (wie erwähnt) nicht verheiratet war, denn das wäre ein Problem und nicht machbar gewesen. Also machte ich mich auf den Weg.

Grenzen gab es reichlich zu passieren. Je südöstlicher der Grenzübergang, desto größer die Augen der Grenzbeamten. Über 2.000 Kilometer lang ist die direkte Verbindung nach Edirne. Da ich auch noch das südliche Serbien und Mazedonien mitnahm, kam ich locker auf 2.500 Kilometer. Nach dieser sehr langen, anstrengenden Fahrt durch die meisten europäischen Länder kam ich endlich am Grenzübergang von Griechenland nach Edirne an. Die Grenzkontrollen verliefen oft schleppend, dann aber wieder flott und reibungslos. Nach wenigen Kilometern hatte ich Edirne erreicht. Die eigentliche Fahrt durch die Türkei konnte beginnen. Doch zuvor musste ich erst einmal richtig ausschlafen und suchte mir deshalb ein gemütliches Hotelzimmer. Da es noch etwas früh am Tag war, machte ich noch einen kurzen Stadbummel, damit ich wenigstens etwas von dieser Stadt gesehen habe.

Edirne - Das Tor zur Türkei

Diese Grenzstadt im Westen der Türkei mit Griechenland und Bulgarien als Nachbarn ist zwar klein, aber regelrecht von Geschichte durchdrungen.

In Edirne, der westlichsten Stadt der Türkei, spürt man zum ersten Mal orientalisches Flair und merkt zugleich wie neugierig dieses Land machen kann. Hauptanziehungspunkt der Stadt ist jedoch die alles überragende Selimiye Camii. Ein Werk des berühmtesten osmanischen Baumeisters Sinan, der dieses Bauwerk in den Jahren 1568-1575 schuf und es selbst als sein Meisterwerk bezeichnete. Die Kunst des Meisters bestand darin die große Hauptkuppel ohne Stützen nach unten von vielen kleinen Seitenkuppel tragen zu lassen. So wirkt der riesige Komplex des wunderbaren Baues zierlich und filigran. Auch in den Innenhöfen, bei Brunnen und Nebenräumen findet man die Ideen des genialen Baumeisters. Im Juni 2011 wurde die Selimiye Moschee zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Wenn sich die Gelegenheit für einen Besuch in dieser Stadt ergibt sollte man sich unbedingt dafür Zeit nehmen. Und ich nahm mir die Zeit, auch wenn sie etwas zu kurz kam.

Das Edirne Hotel aber nur für 1 Übernachtung.

Hotels sind - abgesehen von ihren Sternen, überall gleich - auch im Orient, oder besser gesagt noch fast auf europäischem Boden. Dieses Hotel war mit schallisolierenden Fenstern ausgestattet. (Sicher deshalb, damit der westliche Besucher nicht vom gellende Schrei der Muezzine gestört wird, deren es hier ja mehrere gab). Aber wo zum Henker lag nun der übliche Gebetsteppich? Sicher, ich war kein Moslem, aber hier übernachteten doch auch türkische Touristen, die fünf Mal am Tag beten mussten. (Vielleicht lag er unterm Bett?) Naja, irgendwie musste ich falsch informiert gewesen sein.

Mein Hotelzimmer für eine Nacht.
Bild unten: Ein Werk des berühmtesten osmanischen Baumeisters Sinan:
Die Selimiye Cami Moschee innen.

Zwar war ich schon um die Mittagszeit in Edirne angekommen, doch wie erwähnt musste ich mir zuerst ein Hotelzimmer besorgen. Anschließend machte ich mich auf den Weg zur Besichtigung der Selimiye Cami Moschee. Natürlich wollte ich sie auch mal von innen sehen - aber meine Schuhe ließ ich an. Wer weiß, ob ich sie wieder finden würde. Im Übrigen hatte der Herr links von mir seine Schuhe ja auch angelassen.

Auf dem Weg in die Innenstadt.
An jeder Straßenecke drangen deutsche Worte an meine Ohren.

Zum ersten Mal schnupperte ich nicht nur orientalische Luft, sondern auch die Stadtluft, soll heißen die Innenstadtluft und das Flair. Ich ließ mich mit den vielen Menschen durch die Gassen und Plätze treiben, freute mich auf gutes Essen, Früchte, Gemüse, Nüsse, Käse, Gewürze und, man soll es nicht glauben, sogar den Duft vom Hamburgern. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Also in dieses Lokal gehe ich sofort rein. Zu meiner Verwunderung erhielt ich auf meine Frage, ob es denn auch Bier hier gäbe, eine positive Antwort: "Ja, natürlich haben wir auch Bier!" Vermutlich gab es an diesem Tag eine Menge deutscher Touristen, denn fast an jeder Ecke drangen bekannte und verständliche Laute an meine Ohren. Scheinbar waren die auch alle unterwegs zur Selimiye-Moschee , die ja jeden Touristen beeindruckt mit ihrer Grösse und sie zu besuchen ist ein besonderes Erlebnis. Religion ist, wie ich sehen konnte und erlebte, ein fester und wichtiger Bestandteil im Leben der Türken. Fünfmal täglich fordert der Muezzin (wie schon erwähnt) zum Gebet und da gleich drei Moscheen in Rufnähe von mir lagen, gab das einen gehörigen Stimmensalat. Das war alles neu für mich. Naja, ich genoss es einfach, da sein zu können. Später besuchte ich auch einen der drei großen Basare, obgleich in Edirne an jeder Straßenecke gehandelt wird und natürlich in den drei historischen Basaren, von denen wiederum zwei von Sinan erbaut wurden.

Man merkte schon, dass Edirne noch nahe an Europa lag...
...denn man sah wenig Frauen die ein Kopftuch trugen.
Eines bewunderte ich in Edirnes Fußgängerzone:
Sie hatten wenigstens Bänke, wo man sich mal ausruhen konnte.
Hier bummelte ich über die Pedestrianized Strasse.
Da es allmählich Zeit wurde, lief ich etwas schneller...
...kam wieder in die Nähe eines anderen Brunnens...
...von wo aus ich wieder zurück ins Hotel lief.

Natürlich hatte ich in dieser kurzen Zeit nicht alles gesehen. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Zuviel hätte es in Edirne noch zu sehen gegeben. Doch die Zeit drängte. Ich musste ausgeruht sein für den nächsten Tag, denn mein nächstes Ziel war Istanbul. Zwar hätte ich gleich weiter fahren können nach Eskisehir, wo meine Freundin auf mich wartete, doch wer einmal in der Türkei war kommt um Istanbul und seine Sehenswürdigkeiten nicht herum.

Schade, dass ich kein Türkisch konnte um alles zu verstehen, was mich an Sehenswürdigkeiten erwartete. Jetzt wäre meine Freundin eine gute Dolmetscherin gewesen. Zwar wusste sie bescheid wo ich mich derzeit aufhielt, (wir blieben ja in telefonischem Kontakt miteinander) doch wollte ich sie nicht unbedingt nach Edirne bitten, denn das wäre etwas zuviel verlangt gewesen. Da hatte ich mich aber gewaltig getäuscht, denn dieses schlaue Frauchen war längst schon auf dem Weg zu mir, denn gegen Abend erreichte mich ein Anruf von ihr im Hotel, dass sie bereits in Istanbul eingetroffen war und auf mich wartete. Natürlich war ich happy. Erst recht, als sie auch schon ein Hotel in Istanbul gebucht hatte. Auf meine Frage, wie sie das so schnell geschafft habe antwortete sie, dass sie sich von ihrem Chauffeur hatte fahren lassen. Immerhin hatte sie ja das Geschäft ihres Vaters übernommen und dessen Personal gleich behalten. Niemand der ehemaligen Firma ihres Vaters, die sie übernommen hatte wurde also arbeitslos. Die Geschäfte führte ihr Prokurist für die Zeit ihrer Abwesenheit. Dann nannte sie mir den Namen des Hotels wo sie eingecheckt hatte und wünschte mir noch eine angenehme Fahrt - nicht ohne mich darauf hinzuweisen, dass ich bitte bitte ja vorsichtig fahren möge, wobei ihre Stimme etwas zitterte. Ob nun aus Vorfreude mich wieder zu sehen, oder weiß der Herr. Nun ja, ich wollte mir nicht zuviel einbilden. Immerhin kam sie aus einer anderen Kultur - trotz sie von dieser wenig begeistet war. Aber man kann sich ja seine Eltern und seinen Geburtsort nicht aussuchen. Ich ließ mich also überraschen von den Dingen die da auf mich zukamen. Erwähnen möchte ich noch, dass Nezmir ausser ihrer türkischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft hatte. Sie lebte ja lange genug in Deutschland. Ausserdem sprach sie ausser Türkisch, ein excellentes Deutsch und Englisch sowie Spanisch und Französisch.

  Ein erfreuliches und überraschendes Wiedersehen nach 6 Jahren. Wer hätte das gedacht